Der Übergang zur Agenda des „Great Reset“ – wie das WEF die Idee einer neuen Weltordnung formulierte

Aus einem harmlosen exklusiven Managerzirkel wurde ein ideologisches Nervenzentrum zur globalen Neuordnung - die Genese einer erstaunlichen Transformation

Am Ende der 1990er Jahre begann sich das Selbstverständnis des World Economic Forum (WEF) grundlegend zu verändern. Die Einladungsliste war längst elitär, die Themen längst transnational, die Netzwerke längst mächtig. Doch nun trat etwas zutage, das zuvor nur als Subtext existiert, hatte: Davos begann, eine eigene Weltordnung zu formulieren – nicht als Vorschlag. Nicht als Diskussionsgrundlage. Sondern als Anspruch.

Der 11. September 2001 markierte eine historische Bruchstelle, eine Katastrophe, die die politische Architektur des Westens erschütterte. Während Regierungen über Terrorbekämpfung und nationale Sicherheit stritten, sah die globalistische Elite in Davos darin etwas anderes: ein beschleunigtes Zeitfenster für eine umfassende Neuordnung. Die „Unsicherheit der Welt“ wurde zur Begründung, warum technokratische Strukturen gestärkt, internationale Institutionen erweitert und nationale Kompetenzen zurückgedrängt werden müssten. In Archivmaterial des World Economic Forum zeigt sich, wie schnell diese Narrative nach 2001 in Strategiepapieren auftauchen: Sicherheit sei nur global herzustellen, Risiken nur transnational zu managen. Hinter diesem moralischen Anspruch lag ein politischer Imperativ: ZentralisierungIn dieser Zeit gewann Schwab eine neue Rolle. Er war nicht länger Gastgeber eines Netzwerks, das sich selbst genügte. Er wurde zum Interpreten der Weltlage, der vorgab, welche Richtung notwendig sei. Seine Sprache wurde prophetischer, seine Begriffe monumentaler. Der Begriff „Global Redesign“ tauchte in den Programmen auf – ein Ausdruck, der wie ein technokratischer Euphemismus klingt, tatsächlich aber eine politische Kampfansage darstellt.

Es geht aus seinen Schriften, insbesondere in The Fourth Industrial Revolution, klar hervor, dass Schwab die Zeit für gekommen hielt, nicht nur Märkte, sondern Gesellschaften „neu zu organisieren“. Parallel dazu verschob sich die innere Struktur des WEF. Was zuvor ein Nebeneinander aus Konzernen, Regierungen, UNO-Institutionen und Thinktanks war, wurde zu einer Art kollektiver Regierung im Wartestand. Der entscheidende Schritt war die institutionelle Verankerung der sogenannten „Global Future Councils“, Gremien, in denen die zukünftigen Standards, Normen und Technologien vorausgedacht wurden. Diese Räte funktionierten wie ein Schattenkabinett – sie verteilten politische Rollen ohne demokratischen Auftrag. Die offizielle Darstellung des WEF beschreibt diese Councils als „Vordenkergruppen“. Die interne Funktionsweise gleicht eher einer alternativen Exekutive.

In den 2000er und frühen 2010er Jahren begann Davos, sich offen als Koordinator globaler Politik zu positionieren. Die Partnerschaften zwischen WEF, UNDP, WHO und der Europäischen Kommission nahmen eine neue Qualität an. Sie erinnerten an die philanthropisch-staatlichen Komplexe, die Historiker wie Ben Whitaker in seinem Werk über die UN nachzeichnen, oder an jene Strukturen, die Whitney Webb in ihrer Untersuchung über die Verflechtung von Stiftungen, Geheimdiensten und Großkonzernen beschreibt. Vor allem die EU war empfänglich für diese Denkweise. Die Europäische Kommission, von Jean Monnet als technokratische Institution konzipiert, fand in Davos eine ideologische Heimat. Ihre Protokolle, hinterlegt im Archiv der European Commission, dokumentieren in den 2000er Jahren eine auffällige Übernahme globalistischer Narrative. Europa verstand sich nicht mehr als Zusammenschluss souveräner Staaten, sondern als Labor eines globalen Governance-Modells.

Davos bot den Rahmen, in dem europäische und internationale Technokraten ihre Konzepte ausrichteten – nicht auf die Bürger, die sie eigentlich repräsentieren sollten, sondern auf jene globalen Akteure, die ihre Karrieren beeinflussten. In dieser Phase entstanden die ersten Bausteine jener Denkweise, die später „Great Reset“ genannt wurde. Schwab formulierte ihn nicht spontan im Jahr 2020. Die Idee war viel älter – sie zieht sich durch seine Veröffentlichungen, die in Harvard geprägte Weltanschauung, die technokratische Logik seiner frühen Texte und die Netzwerke, die ihn seit den 1970er Jahren umgeben. Der „Reset“ war die logische Konsequenz eines Weltbildes, das davon ausgeht, dass Märkte, Menschen, Gesellschaften und Staaten besser funktionieren, wenn sie zentral gesteuert werden. Die Narrative dieser Zeit zeigen eine bemerkenswerte Konvergenz:

– Die Welt sei zu komplex für nationale Antworten.

– Risiken seien global, daher müssten Lösungen global sein.

– Staatliche Handlungsspielräume seien ineffizient.

– Technokratische Expertise sei überlegen.

– Demokratische Prozesse seien zu langsam.

Zivilgesellschaft müsse gelenkt werden. Und politische Legitimation könne durch moralische Imperative ersetzt werden. Diese Denkweise war nicht neu. Sie erinnert an die transnationalen Machtmodelle, die Brzezinski in Between Two Ages beschrieb, und an jene wissenschaftlich verbrämten Steuerungsfantasien, die in Bevölkerungsprogrammen von UNO-Behörden wie dem United Nations Population Fund auftauchten. Doch in Davos erhielten diese Ideen eine direkte politische Anschlussfähigkeit. Sie konnten dort, wie Blaupausen für die Zukunft, präsentiert werden – und wurden wenig später als „globale Notwendigkeiten“ in nationale Politik übersetzt. Der entscheidende Punkt ist: Davos begann, nicht nur Themen zu setzen, sondern die Architektur der Zukunft zu definieren. Nicht nur Probleme zu benennen, sondern das Raster vorzulegen, in dem Lösungen überhaupt denkbar sind. Nicht nur Erwartungen zu formulieren, sondern Handlungsspielräume einzuschränken. In den Jahren vor der Finanzkrise 2008 wurde diese Rolle immer deutlicher. Die Warnungen vor einer globalen Krise tauchten im WEF-Umfeld früher auf als in nationalen Warnsystemen. Doch anstatt die Finanzmärkte zu regulieren, wurde die Krise in Davos genutzt, um einen neuen politischen Imperativ zu setzen: Wenn Märkte global sind, müssen auch Lösungen global sein.

 

Aus einem ideologischen Machtzentrum wird eine weltpolitische Steuerungsbehörde

Als die Finanzwelt 2008 kollabierte, glaubten viele Beobachter, dies sei der Anfang vom Ende der Globalisierung. Banken stürzten, Staaten mussten retten, Volkswirtschaften wankten. Doch wer die Machtarchitektur kannte, erkannte früh, dass diese Krise nicht zum Zusammenbruch führte – sondern zur Beschleunigung. Genau an diesem Punkt wandelte sich Davos von einem Koordinationsraum zu einer politisch-ideologischen Kommandozentrale. In den Jahren nach dem Crash nutzte das World Economic Forum die weltweite Verunsicherung, um einen Gedanken zu etablieren, der zuvor nur hinter verschlossenen Türen existierte: die Vorstellung, dass Gesellschaften nicht nur stabilisiert, sondern umgebaut werden müssten. Die sogenannte „Neuordnung nach der Krise“ klang wie eine technische Notwendigkeit. In Wahrheit war sie der Einstieg in die umfassendste politische Reprogrammierung seit dem Zweiten Weltkrieg. Wer die Protokolle des World Economic Forum jener Jahre liest, erkennt eine auffällige Verschiebung. Die Sprache verlor ihre Zurückhaltung. Aus „Herausforderungen“ wurden „strukturelle Defizite“. Aus „globalen Risiken“ wurden „systemische Bedrohungen“. Die Diagnose lautete: Der Kapitalismus müsse neu erfunden werden. Doch die Rezepte dazu kamen nicht von Bürgern, nicht von Parlamenten, nicht von Staaten – sie kamen aus den Arbeitsräumen der globalen Elite, orchestriert in Davos. Die Krise von 2008 zeigte dieser Elite zweierlei: dass Nationalstaaten zu schwach sind, um globale Schocks zu bewältigen, und dass die Bevölkerung zu verunsichert ist, um alte politische Kategorien zu verteidigen. In dieser doppelten Schwäche sah das WEF eine historische Chance. Schwabs spätere Formulierung vom „großen Reset“ war kein spontaner Gedanke des Jahres 2020, sondern nur die kommunikative Verpackung eines Prozesses, der bereits in den nach-2008er Sitzungen sichtbar war. In seinem Werk COVID-19: The Great Reset, das er gemeinsam mit Thierry Malleret verfasste, findet sich dieselbe Logik, die er seit The Fourth Industrial Revolution vortrug: Krisen legitimieren Transformationen, die ohne Krise politisch nicht durchsetzbar wären.

Davos operierte in dieser Zeit nicht als Beobachter der Krise, sondern als Interpret. Die globale Elite traf sich im Schutz der Alpen, während Millionen ihre Jobs verloren, Betriebe schlossen und Staaten ihre Souveränität an Rettungspakete abtraten. Die Narrative, die dort entwickelt wurden, hatten eine Durchschlagskraft, die demokratische Prozesse nicht mehr erreichten. Der Konsens lautete: Die Welt muss nicht repariert, sondern neu kalibriert werden. Finanzsysteme, Lieferketten, Energieversorgung, digitale Identitäten, Arbeitsmärkte, Bildungsstrukturen – alles, was die moderne Gesellschaft ausmacht, wurde in Davos nicht als historisch gewachsen, sondern als formbar betrachtet. In den Jahren nach der Krise professionalisierte das WEF seine Machtinstrumente. Die bereits zuvor existierenden „Global Future Councils” wurden zu einem labyrinthartigen Netzwerk aus hunderten von globalen Gremien ausgebaut. Dort saßen Vertreter des Silicon Valley neben UNO-Funktionären, Zentralbankern und Stiftungsdirektoren. Die Räte analysierten nicht die Zukunft – sie entwarfen sie. Es war eine Denkform, die frappierend an die technokratischen Zukunftsmodelle erinnert, die Herman Kahn am RAND Institute entwickelte, wie sie in The Year 2000 beschrieben wurden. Die Ähnlichkeit ist nicht zufällig: RAND war seit den Fünfzigerjahren eine der intellektuellen Brutstätten jener technokratisch-kalkulatorischen Weltsicht, die in Davos ihre politische Form annahm. Die EU erwies sich in dieser Phase erneut als natürlicher Verbündeter des WEF. Im Archiv der European Commission ist dokumentiert, wie in den 2010er Jahren Agenda-Setting-Prozesse immer stärker in transnationale Gremien ausgelagert wurden. Die Vorstellung, dass Europa „global führende Standards setzen“ müsse, war kein europäisches Projekt mehr. Es war die Übersetzung einer Davoser Weltanschauung in supranationale Politik.

Europa wurde zum Labor der Globalisten – ein Raum, in dem neue Regeln testbar waren, weil die Bürger keine direkte Kontrolle über die Kommission hatten. Die digitale Revolution verlieh Davos schließlich die Hebelwirkung, die es benötigte, um seinen Anspruch offen auszusprechen. In den Partnerschaften mit dem Silicon Valley – dokumentiert in den Programmen der MIT-Media-Lab-Netzwerke – wurde eine Grundidee verankert: Digitalisierung sei nicht nur eine technische Entwicklung, sondern eine Möglichkeit, Gesellschaften neu zu strukturieren. Digitale Identitäten, automatisierte Entscheidungsprozesse, algorithmische Governance – all dies gelangte über Davos in den politischen Mainstream, noch bevor die Bevölkerung überhaupt verstand, was diese Begriffe bedeuteten.

Die moralische Rhetorik wurde gleichzeitig geschärft: Ungleichheit, Klima, Migration, Sicherheit, globale Gerechtigkeit – alles wurde in einen narrativen Rahmen gepackt, der die Notwendigkeit einer umfassenden „Transformation“ legitimieren sollte. Diese Strategie erinnert deutlich an die Modelle, die Naomi Klein in The Shock Doctrine beschreibt, wenn auch aus einer linken Perspektive: Krisen schaffen Räume, in denen Eliten Maßnahmen durchsetzen können, die ohne Schock politisch tot wären. In Davos war die Botschaft klar: Die Welt sei aus den Fugen geraten. Und diejenigen, die sie retten können, seien zufällig jene, die in Davos jährlich anwesend waren. Es war die Selbstermächtigung einer Klasse, die sich nicht mehr als Gast eines Forums verstand, sondern als Avantgarde einer neuen politischen Ordnung. In dieser Phase wurde aus der informellen Choreografie der 1990er und frühen 2000er Jahre eine Agenda: Die Welt müsse „resetet“ werden, bevor sie sich selbst zerstört. Es war die Affirmation eines historischen Anspruchs, der sich niemals der Bevölkerung gestellt hatte, aber den Anspruch erhob, für die Bevölkerung zu sprechen. Damit war der Höhepunkt der globalistischen Ideologie erreicht.

 

Fluch der Hybris – wie der Globalismus seinen eigenen Untergang vorbereitete

Im Jahrzehnt nach der Finanzkrise 2008 war Davos auf dem Höhepunkt seiner Macht. Nie zuvor war das World Economic Forum so tief in Regierungen verankert, so eng mit den globalen Tech-Konzernen vernetzt, so tief in UNO-Strukturen eingebettet und so präsent in den medialen Diskursen der westlichen Welt. Das Selbstverständnis dieser Elite war unmissverständlich: Man betrachtete sich nicht mehr als Beobachter der Welt, sondern als deren künftige Verwaltungsinstanz. Diese Selbstsicht ist in den Veröffentlichungen des World Economic Forum jener Jahre dokumentiert. Die Texte sprechen nicht mehr über „Trends“, sondern über „Transitions“. Nicht mehr über „Risiken“, sondern über „Systemwandel“. Nicht mehr über „Innovation“, sondern über „Transformation“. Das Vokabular wurde nicht zufällig gewählt. Es transportierte eine Überzeugung: Die Welt sei steuerbar – und die Steuerer seien jene, die in Davos zusammenkamen. In dieser Phase verfestigte sich das ideologische Fundament, das Schwab später in The Fourth Industrial Revolution systematisch ausformulierte. Der Text liest sich wie das Handbuch einer Elite, die davon überzeugt ist, dass die technologische Kontrolle über Daten, Menschenströme, Ressourcen und Verhalten notwendiger sei als politische Repräsentation. Es ist eine technokratische Vision, die tief in jene Denkstrukturen eingebettet ist, die bereits von Vordenkern wie Norbert Wiener, Herbert Simon oder Herman Kahn angestoßen wurden. Die Verwandtschaft dieser Ideen mit dem technokratischen Steuerungsmodell, das Brzezinski in Between Two Ages prognostizierte, ist so frappierend, dass man kaum von Zufall sprechen kann. Es ist dieselbe Logik: Die Welt ist zu komplex für demokratische Verfahren – also müssen jene entscheiden, die über die technologischen Mittel verfügen. Doch genau diese Hybris erzeugte die Fehler, die den Zerfall der globalistischen Ordnung später unausweichlich machten.

Fehler Nr. 1: Souveränität ist ein überholtes Konzept

In Davos glaubte man, Nationalstaaten seien Relikte einer vergangenen Epoche. Die EU verstand sich zunehmend als „postnationales Projekt“, die UNO als moralische Instanz, Tech-Konzerne als Infrastruktur einer neuen Weltgesellschaft. Es war der Glaube, dass Identität durch Governance ersetzbar sei. Doch die sozialen Verwerfungen der Globalisierung, sichtbar in Migrationskrisen und ökonomischer Entwurzelung, zeigten das Gegenteil. Die Gesellschaften des Westens waren nicht bereit, ihre kulturelle, rechtliche oder politische Selbstbestimmung in transnationale Strukturen auszulagern.

Fehler Nr. 2: WEF unterschätzt die Reaktion der Bevölkerungen

Die politische Klasse hatte sich so sehr an die Selbstverständlichkeit des globalen Konsenses gewöhnt, dass sie die zunehmende innere Spannung nicht spürte. Die Entscheidung, nationale Regeln durch internationale Standards zu ersetzen – Standards, die in Davos vorbereitet wurden –, führte zu einer demokratischen Entkernung, die in vielen Ländern eine Gegenreaktion erzeugte. Die gelben Westen in Frankreich, der Brexit, der italienische Bruch mit der EU-Politik, die polnisch-ungarische Souveränitätsbewegung – all das waren Symptome derselben Ursache. Die Bevölkerung reagierte nicht auf „Populismus“, wie viele Medien behaupteten.Sie reagierte auf Entmachtung.

Fehler Nr. 3: Technologie als Steuerungsmittel wurde überschätzt

Silicon Valley entwickelte sich in den 2010er Jahren zu einem neuen Machtpol, der nicht durch politische Institutionen kontrolliert wurde, sondern durch Daten. Davos erkannte früh, dass diese Konzerne – Google, Meta, Amazon, Microsoft – der Schlüssel zu einer neuartigen Form der Verhaltenssteuerung waren. Das WEF knüpfte enge Kontakte zu den Führungsebenen dieser Unternehmen, dokumentiert in gemeinsamen Initiativen mit dem MIT Media Lab und den Beratergremien technokratischer Governance. Doch die Elite übersah, dass dieselben Technologien, die Kontrolle ermöglichen sollten, auch Gegenöffentlichkeiten befreiten. Die digitale Sphäre wurde nicht nur zur Infrastruktur globaler Macht – sie wurde zum Resonanzraum des Widerstands.

Fehler Nr. 4: Die moralische Selbstüberhöhung.

Davos kleidete seine Machtansprüche in eine Sprache, die sich als ethische Notwendigkeit ausgab. „Nachhaltigkeit“, „Diversität“, „globale Verantwortung“, „soziale Gerechtigkeit“ – Begriffe, die in sich legitim sein mögen, wurden in Davos als universelle Dogmen präsentiert. Der moralische Ton diente als Schutzschild. Wer die Agenda kritisierte, galt als irrational, rückständig oder gefährlich. Doch jede Ideologie, die sich selbst für unantastbar hält, untergräbt ihre eigene Legitimation. Die Menschen spürten die Diskrepanz zwischen moralischem Anspruch und realer Machtpolitik.

Fehler Nr. 5: Die multipolare Welt sei ein Randphänomen

Chinas Aufstieg wurde als ökonomische Chance, nicht als geopolitische Herausforderung betrachtet. Russland wurde als militärische Randerscheinung wahrgenommen. Indien, Brasilien, Südafrika – all diese Staaten galten als „Entwicklungsmärkte“, nicht als eigenständige Machtpole. Doch gleichzeitig entstanden Strukturen wie die BRICS, deren Analysen etwa im Archiv der UNCTAD deutlich machen, dass der globale Süden nicht mehr bereit war, sich in die von Davos vorgezeichnete Ordnung einzuordnen. Genau in dieser Phase, in der Davos berauscht war von seiner eigenen moralischen und technologischen Überlegenheit, entstand die Gegenkraft, die das globale Projekt herausfordern sollte.  Es war die perfekte dramaturgische Ironie: Die Hybris der globalen Elite brachte genau jene Energie hervor, die sie später zu Fall bringen würde. Noch bevor die westliche Öffentlichkeit verstand, dass es eine Gegenbewegung gab, formierte sich im Hintergrund ein neuer Machtblock: Staaten, die sich nicht von Davos definieren lassen wollten; Gesellschaften, die die Rückkehr zur Souveränität forderten; politische Bewegungen, die den technokratischen Anspruch offen infrage stellten; und eine Figur, die wie ein Blitz in das System einschlagen sollte. Diese Figur ist Donald Trump.

 

Die multipolare Rückkehr – warum die Welt sich vom Globalismus löste

In der zweiten Hälfte der 2010er Jahre begann die Fassade des Globalismus zu bröckeln. Nicht abrupt, nicht in einem dramatischen Moment, sondern in einem langsamen, unaufhaltsamen Prozess. Die Welt veränderte sich, und Davos merkte es als Letztes. Die globale Elite hatte sich so sehr an die Vorstellung gewöhnt, sie sei der natürliche Mittelpunkt der politischen Evolution, dass sie nicht bemerkte, wie der Rest der Welt eigene Wege einschlug. Der Übergang von einer unipolaren zu einer multipolaren Weltordnung verlief nicht laut, sondern präzise – messbar in Daten, sichtbar in geopolitischen Verschiebungen, dokumentiert in den Analysen internationaler Institutionen wie der UNCTAD oder dem International Monetary Fund. Der Westen hielt am Traum einer globalen Steuerung fest, während die Realwirtschaft bereits andere Zentren bildete. China stieg zur größten Handelsmacht der Welt auf. Russland reorganisierte sich geopolitisch nach Jahren der Lähmung. Indien begann, sich als zivilisatorischer Machtpol zu verstehen. Der Nahe Osten, lange Spielball westlicher Interessen, organisierte sich neu – nicht mehr als Rohstoffquelle, sondern als souveräner Block. Diese Entwicklungen wurden in Davos zwar registriert, aber nicht verstanden. Die Elite weigerte sich, anzuerkennen, dass die Ära der westlichen Weltdominanz vorbei war. In ihren eigenen Publikationen sprach sie weiter von „global governance“, als sei die Welt ein einziger Organismus – und Davos dessen Nervenzentrum. Doch die Realität sprach eine andere Sprache.

Der Globalismus, wie er in Davos entworfen wurde, baute auf drei Annahmen:

– dass China sich langfristig in die amerikanische Ordnung integrieren würde;

– dass Russland eine bedeutungslose Regionalmacht bleibe;

– und dass der globale Süden sich freiwillig jenen Normen unterordnet, die westliche Institutionen vorgeben.

Alle drei Annahmen erwiesen sich als Illusion. China formulierte mit der „Belt and Road Initiative“ ein eigenes Weltprojekt. Russland knüpfte neue Allianzen, die die NATO-Architektur herausforderten. Indien trat mit einer Selbstsicherheit auf, die selbst im WEF-Umfeld Irritation auslöste. In den Berichten der BRICS zeichnet sich seit Jahren ab, wie ein alternatives Weltmodell entsteht, das nichts mit der in Davos favorisierten, technokratischen Ordnung gemein hat. Doch der entscheidende Bruch fand nicht in den Hinterzimmern geopolitischer Thinktanks statt, sondern in den Köpfen der Menschen. Die westlichen Gesellschaften begannen, den Preis der Globalisierung zu spüren.

– Arbeitsplätze verschwanden.

– Lieferketten brachen.

– Homogene Kulturen zerfielen.

– Staatliche Autorität erodierte.

– Mittelschichten stiegen ab.

– Die moralische Überheblichkeit der Elite erzeugte Widerstand.

– Die politische Rhetorik verlor jede Glaubwürdigkeit.

Europa ist das beste Beispiel für diesen Zerfall. Die Europäische Union, die jahrzehntelang als Zukunftsmodell galt, wurde zunehmend zu einem bürokratischen Korsett. Staaten wie Ungarn und Polen stellten offen infrage, dass Brüssel überhaupt das Recht habe, nationale Politik zu übersteuern. Frankreichs gelbe Westen legten den Finger in die Wunde einer technokratischen Klasse, die den sozialen Zusammenhalt zerstört hatte. Italien brach mit EU-Dogmen. Spanien driftete. Deutschland verlor seinen industriellen Kern und bemerkte es zu spät. Die EU, einst das Vorzeigeprojekt der Globalisten, zeigte plötzlich dieselben Risse wie die Weltordnung, die sie spiegelte. Gleichzeitig entstand eine globale Gegenöffentlichkeit, die nicht mehr kontrollierbar war. Das Internet, zunächst als Werkzeug der Steuerung gedacht, wurde zum Katalysator eines Aufwachens. Menschen begannen, die globalistischen Narrative infrage zu stellen, nicht über Parteien oder Zeitungen, sondern direkt. Die Diskussion verschob sich von den Redaktionen in die digitalen Räume, in denen kein Davos-Teilnehmer mehr bestimmen konnte, was sagbar ist. Während Davos versuchte, diesen Prozess durch moralische Eskalation zu überdecken – „Krise“, „Klima“, „Gleichheit“, „Pandemie“, „Transformation“ –, formierte sich weltweit eine nicht institutionalisierte, aber real existierende Gegenkraft: das Bedürfnis nach Souveränität, Selbstbestimmung und kultureller Identität. Es war dieselbe Triebkraft, die Huntington in The Clash of Civilizations beschrieben hatte, allerdings mit einer analytischen Schärfe, die im heutigen politischen Diskurs als unerwünscht gilt. Huntington erkannte früh, dass die Welt nicht durch technokratische Eliten, sondern durch kulturelle und zivilisatorische Kräfte geprägt wird. Diese Kräfte bildeten sich in den 2010er Jahren heraus, während Davos weiterhin so tat, als sei die „globale Steuerbarkeit“ die natürliche Ordnung der Welt. Doch hinter den Kulissen begann das System zu wanken. Nicht sichtbar, aber spürbar. Nicht laut, aber tiefgreifend. Genau in dieser historischen Situation, im Moment maximaler globalistischer Selbstüberschätzung und zugleich maximaler struktureller Fragilität, trat eine Figur auf die Bühne, die das System nicht nur infrage stellte, sondern es frontal herausforderte. Eine Figur, die nicht in Davos groß wurde, sondern gegen Davos. Eine Figur, die nicht in globalen Strategiezirkeln sozialisiert wurde, sondern in der amerikanischen Wirtschaftswelt, in der Macht greifbar, nicht simuliert ist. Eine Figur, die die Schwächen des Systems besser verstand als seine Architekten. Diese Figur war und ist bis heute Donald J. Trump.

Wenn Dir meine Arbeit gefällt, dann unterstütze mich gern
Bewerten Sie diesen Artikel: