Ist Donald Trump ein neuer Friedenspräsident?
Kriege der Wahl und aufgezwungene Kriege - das strukturelle Versagen von Friedensordnungen
„Ich bin der einzige Kandidat, der sagen kann: Unter meiner Präsidentschaft gab es keinen neuen Krieg.“
— Donald J. Trump, CPAC-Rede 2023
Man kann ihn für vieles kritisieren – doch wer Donald Trump ernsthaft verstehen will, muss eine unbequeme Tatsache anerkennen: Trump war außenpolitisch nicht der Eskalationspräsident, als den ihn das westliche Medien- und Establishment-Framing oft darstellt. Er hat militärische Aktionen befohlen – ja. Aber sie waren in der Logik seines Handelns überwiegend begrenzt, signalisierend nicht expansionsorientiert oder gar dauerhaft interventionistisch im Sinne von Regierungssystemwechseln. Sein Grundmuster war: maximaler Druck, um Verhandlungen zu erzwingen – nicht, um Fronten dauerhaft zu eröffnen.
Trump verabscheut Krieg – nicht nur moralisch, sondern funktional. Krieg ist für ihn ein „schlechter Deal“, der Ressourcen frisst und innenpolitische Stabilität gefährdet. Genau daraus speist sich seine USA-first-Politik: Militär und Rüstung als Drohkulisse werden von ihm als Hebel genutzt, mittels einer robusten Diplomatie Ziele zu erreichen. Daher hat Trump keine neuen Kriege begonnen, angesichts dessen, dass seit dem Ende des Zweiten Weltkrieges laut Bundeszentrale für politische Aufklärung (BpB) bis ins Jahr 2020 weltweit 242 Kriege geführt wurden. Statt die militärische Interventionspolitik seiner Vorgänger fortzusetzen, führte er Gespräche mit Nordkorea, traf sich mit Präsident Kim Jong Un zunächst persönlich in Hanoi (Vietnam), später an der Demarkationslinie zwischen Nord- und Südkorea in Pamumjon. Dort konnte als erster US-Präsident überhaupt Nordkorea betreten. Trotz scharfer Rhetorik gegen Chinas aggressive Politik im Südchinesischen Meer suchte Trump stets das Gespräch mit Staatschef Xi Jinping. Er übte Druck auf die Regierung Netanjahu aus, den 12-Tage-Krieg gegen den Iran nicht zu eskalieren. Trump verwies die Ayatollahs im Iran ebenfalls in ihre Schranken und zeigte sich gleichzeitig offen für Verhandlungen über die Beendigung des Atomprogramms. Er suchte im Gegensatz zu seinem Vorgänger Joe Biden den direkten Kontakt zu Russlands Präsidenten Wladimir Putin, um im Russland-Ukraine-Konflikt den Frieden zu vermitteln. Mit Donald Trumps zweiter Amtsperiode – manche sprechen aus unerklärlichen Gründen gar von seiner dritten – vollendet er den Rückbau der alten, überkommenen unipolaren Weltordnung hin zu einer USA-First-Politik. Trump steht mit diesem außenpolitischen Pragmatismus, gepaart mit der Ablehnung ideologischer Interventionen – nicht allein. Auch in der Geschichte finden sich Staatsmänner, die gegen das dominierende Narrativ als Aggressoren galten, obwohl sie in Wirklichkeit Frieden anstrebten.
Betrachtet man die Geschichte, so stößt man auf eine bemerkenswerte Parallele: Wilhelm II., letzter Deutscher Kaiser, wurde über Jahrzehnte als Kriegstreiber gebrandmarkt. Dabei zeigen neuere Forschungen: Er und Teile seiner Regierung versuchten bis zuletzt, einen europäischen Flächenbrand zu verhindern – diplomatisch, teils sogar gegen die eigene Militärführung. Er bemühte sich trotz aller gegenteiligen Erzählungen um den Frieden in Europa. Und schließlich und ja, kaum zu glauben, Wladimir Putin,: Bereits 2007 in München warnte er eindringlich vor einer Osterweiterung der NATO. Bis 2021 versuchte er wiederholt, Sicherheitsgarantien auszuhandeln – während im Donbass längst ein Stellvertreterkrieg tobte und täglich Menschen starben. Drei Staatsmänner, drei mediale und historische Zerrbilder. Und doch eint sie ein berechtigtes, ehrenvolles, gemeinsames Ziel: Frieden und Sicherheit für ihre Völker. Was diese Männer verbindet, ist nicht ihre politische Herkunft oder ihr Stil – sondern das kollektive Zerrbild, das von ihnen gezeichnet wurde. Und ihr Scheitern, im Fall von Donald Trump und Wladimir Putin, nur temporär, im Fall von Kaiser Wilhelm II. endgültig, an einem internationalen Machtgefüge, das Frieden oft nur als Werkzeug geopolitischer Interessen begreift.
Donald Trump: Der unkonventionelle, geopolitische Pragmatiker
Donald Trump übernahm 2017 eine von militärischen Interventionen gezeichnete US-Außenpolitik. Afghanistan, Syrien, Irak – der Nahe Osten brannte. Seine Antwort war simpel: „America First“, was eben auch bedeutete, sich aus internationalen Konflikten herauszuhalten. Trump startete keinen Krieg, sondern plante Truppenrückzüge, etwa aus Afghanistan und Syrien.
Trumps außenpolitische Aktivitäten zielen darauf ab, zwei Konfliktherde Ukraine/Russland und Israel/Gaza/Iran zu befrieden und eine militärische Auseinandersetzung zwischen China und Taiwan erst gar nicht entstehen zu lassen. Diese Ziele will er mit der ihm eigenen und von vielen westlichen Massenmedien nicht verstandenen Verhandlungsgeschick erreichen, welches ihn bereits zum erfolgreichen Geschäftsmann werden ließ. Ferner hat Trump ein weiteres Ziel: Weltfrieden. Donald Trump versteht die Weltpolitik nicht nur als eine moralische Mission, er interpretiert sie geschäftlich und inszeniert sich medial geschickt vor einem globalen Publikum. Seine außenpolitische Strategie ist geprägt von Prinzipien, die er bereits 1987 in seinem Bestseller „The Art of the Deal“ (auf Deutsch: Die Kunst des Erfolgs) formuliert hatte. 11 Regeln, mit denen er erfolgreiche Geschäfte abgeschlossen hatte, wendet er konsequent auf seinen Verhandlungsstil auf dem internationalen Parkett an. Trumps Methode: Eskalation zur Verhandlung, Drohung und Angebot im Wechselspiel, Unklarheit als Druckmittel.
Außenpolitik als „Geschäftsmodell“. Trump und seine diplomatische Deal-Strategie
Er beginnt Gespräche stets mit Maximalforderungen, droht öffentlich mit Sanktionen, Zöllen oder Truppenabzügen – nur um im nächsten Moment Kooperation und persönliche Wertschätzung anzubieten. Mit Kim Jong-un wechselte er zwischen „fire and fury“ (Feuer und Zorn) und „I love him“ (Ich liebe ihn). Über Xi Jinping sagte er: „Xi is a great guy. We have a terrific relationship“ (Xi ist ein großartiger Mensch. Wir haben ein hervorragendes Verhältnis zueinander) – während er gleichzeitig Strafzölle gegen China verhängte und militärisch Taiwan unterstützte. Seine Botschaft: Nur wer hart verhandelt, bekommt einen guten Deal. Dieses „Good‑Cop/Bad‑Cop mit sich selbst“ schuf Unsicherheit – und Verhandlungsspielraum. Seine Strategie basierte auf Unberechenbarkeit als Struktur: Gegner konnten nie sicher sein, ob Trump zuschlagen oder verhandeln würde – eine bewusste Eskalationsabsicht, um den anderen zu verunsichern.Zentrale Elemente seiner Strategie waren ökonomischer Druck, der gezielte Bruch mit diplomatischen Konventionen und das medienwirksame Inszenieren von Einigungen. Er betrachtete Außenpolitik als eine Reihe von Einzelgeschäften – bilaterale Vereinbarungen statt multilateraler Verpflichtungen. Die NATO war für ihn ein „schlechter Deal“, das Pariser Klimaabkommen ein „Jobkiller“. Dafür vermittelte er das Abraham-Abkommen zwischen Israel und mehreren arabischen Staaten – keine Friedensverhandlungen, sondern ein geopolitischer „Win-Win“.
Trumps außenpolitische Methode ist anders, er pfeift auf diplomatische Konventionen, nutzt das Momentum des Unerwarteten, in dem er Verhandlungspartner oder Gegner überrumpelt. Er ist wie ein Schachgroßmeister, der antäuscht, um dann die Schwächen seiner Opponenten an anderer Stelle auszunutzen. Trump setzte zunächst auf Machtbalance, auf wirtschaftlichen Ausgleich und damit mittelfristig auf Weltrettung. Diese Strategie beruhte auf dem Glauben, dass Staaten – wie Unternehmen – aus Eigeninteresse handeln. Und sie ließ moralische Ansprüche bewusst außen vor, um den Raum für Deals nicht zu verengen. Diese Strategie mag unberechenbar wirken – doch sie folgte der Logik eines Verhandlers, der den Markt regieren will, nicht die Welt.
Trumps unkonventionelle Russland-Politik
Besonders bemerkenswert war Trumps Haltung gegenüber Russland. Anders als seine Vorgänger versuchte er nicht, Moskau zu isolieren, sondern es in eine neue Friedensarchitektur einzubinden. Schon 2017 forderte er öffentlich in einem CNN-Interview eine bessere Beziehung zu Russland – ein Bruch mit dem transatlantischen Konsens und ein offener Widerspruch zur Meinung fast aller selbst ernannten US-Eliten.
Trump scheute sich nicht, zeitintensive Gespräche mit Wladimir Putin und Volodymyr Selenskyj zu führen, um im Ukraine-Konflikt zu vermitteln. Trumps Ziel: eine weitere Eskalation hin zu einem Dritten Weltkrieg zu verhindern.
Als Trump im März 2025 Selenskyj im Weißen Haus zu Gast hatte, eskalierte der Austausch zwischen ihm, Vizepräsident Vance und dem ukrainischen Präsidenten live und in Farbe. Es war der kalkulierte Anfang vom Ende des US-amerikanischen Ukraine-Engagements. In den Tagen und Wochen danach machte Trump klar, dass er die kriegerische Auseinandersetzung nicht länger stützen wolle. Hingegen drängte er laut der Nachrichtenagentur Reuters darauf, dass es direkte Verhandlungen zwischen Russland und der Ukraine geben müsse.
Sein Konzept:
- Ukraine erklärt Neutralität,
- Russland erhält Sicherheitsgarantien,
- Autonomiestatus für den Donbass,
- Krim bleibt de facto bei Russland.
Laut Axios beinhaltete Trumps Vorschlag eine de‑jure-Anerkennung der russischen Krim-Herrschaft und eine faktische Anerkennung der Besetzung östlicher Regionen ukrainischer Ukraine. Laut Reuters war Putin unter bestimmten Bedingungen bereit – jedoch mit der klaren Forderung nach Anerkennung territorialer Gewinne. Die Ukraine hielt jedoch – auch unter massivem Druck aus Europa – strikt an ihrer territorialen Integrität fest.
Auffällig blieb: Immer wieder intensivierten sich Gefechte an der Front unmittelbar vor geplanten Friedensgesprächen – etwa in Istanbul 2025.⁶ Dieses Timing ließ darauf schließen, dass beide Seiten das Scheitern einkalkulierten. Trump hingegen hielt am Prinzip der direkten Vermittlung fest – als Gegengewicht zur Elitenrealpolitik und als Versuch, eine Lösung ohne UN-Intervention oder EU-Zwang herbeizuführen.
Besonders bemerkenswert war Trumps Haltung gegenüber Russland. Anders als seine Vorgänger versuchte er nicht, Moskau zu isolieren, sondern zu integrieren. Schon 2017 forderte er offen eine bessere Beziehung zu Russland – und stand damit im Widerspruch zu US-Eliten und transatlantischen Interessen. Seine wohl wichtigste, aber bislang wenig beachtete Initiative: die Vermittlung im Ukraine-Konflikt. Noch 2019 und erneut 2020 machte Trump intern Druck, direkte Gespräche zwischen Russland und der Ukraine zu ermöglichen. Seine Idee: Die Ukraine müsse ihre Neutralität erklären, Russland dürfe Sicherheitsgarantien erhalten, der Donbass erhalte Autonomiestatus, die Krim bleibt russisch. Putin war zur Annäherung bereit – allerdings unter der Bedingung, dass die Krim und die vier östlichen Gebiete dauerhaft russisch bleiben würden. Die Ukraine verweigerte sich, auch auf Druck aus Europa. Besonders auffällig: Mehrere Angriffe auf russisches Gebiet fanden jeweils am Vortag geplanter Friedensgespräche statt – ein Scheitern war damit vorprogrammiert.
„Israel zuletzt“ – eine missverstandene Ansage
Ein weiteres Beispiel ist der Israel-Gaza-Iran-Konflikt. Trump kündigte zwar das Atomabkommen mit dem Iran auf, setzte jedoch auf gezielte Sanktionen statt auf militärische Interventionen. Trotz der Ermordung von General Soleimani durch einen US-Drohnenangriff 2020 kam es zu keiner offenen Konfrontation, weil Trump hinter den Kulissen Signale der Deeskalation sendete. Wie der Nahost-Experte Michael Doran schreibt:„Trump wollte den Iran nicht stürzen – er wollte ihn an den Verhandlungstisch zwingen.“
Auch gegenüber Israel verfolgte Trump eine besondere Linie: Einerseits stärkte er Israels Souveränität durch die Anerkennung Jerusalems als Hauptstadt. Andererseits förderte er die sogenannten Abraham-Abkommen, die zur Normalisierung der Beziehungen zwischen Israel und mehreren arabischen Staaten führten – ein historischer Schritt zur Stabilisierung der Region. Der israelische Diplomat Dore Gold sprach von einem historischen Wunder.
Trumps China-Politik: Konfrontation als Prinzip
Bereits in seiner ersten Amtszeit trat Donald Trump mit dem erklärten Ziel an, die wirtschaftliche und geopolitische Vormachtstellung Chinas zu brechen. Die Vereinigten Staaten unter seiner Führung beendeten das „strategische Engagement“ früherer Regierungen und ersetzten es durch einen konfrontativen Kurs: Ein regelrechter Wirtschaftskrieg mit Strafzöllen, Handelsbeschränkungen und der gezielten Blockade chinesischer Tech-Konzerne wie Huawei oder ZTE folgte. Trump bezeichnete China mehrfach als „Währungsmanipulator“ und warf Peking unfaire Handelspraktiken, Industriespionage und „Raub geistigen Eigentums“ vor.
Die Verhandlungen endeten 2020 in einem „Phase-1-Abkommen“, das jedoch von Kritikern als kosmetisch und einseitig beurteilt wurde. Sein außenpolitischer Kurs war aber nicht nur wirtschaftlich motiviert. Trump stilisierte China zum systemischen Gegenspieler des Westens und stellte die Beziehungen zum kommunistisch regierten Land als Kampf „zwischen Freiheit und Unterdrückung“ dar. In Reden und Interviews machte er Xi Jinping persönlich verantwortlich für die Ausbreitung des Coronavirus („China-Virus“), was weltweit zu diplomatischen Spannungen führte. Auch in der aktuellen politischen Landschaft, kurz vor der US-Präsidentschaftswahl 2024, bleibt Trump bei dieser Linie – teils sogar radikaler. In Wahlkampfreden kündigte er an, bei einem Wahlsieg nicht nur bestehende China-Zölle zu verschärfen, sondern auch „jede Verbindung zu China bei kritischen Lieferketten zu kappen“. Zudem bezeichnete Trump die aktuelle Regierung Biden als „weak on China“ und warnte vor einem „digitalen Pearl Harbor“, falls Peking Zugriff auf amerikanische Netzwerke erlange. China sei, so Trump, nicht nur wirtschaftlicher Konkurrent, sondern ein „kommunistischer Totfeind“ Amerikas.
Kritiker verweisen auf militärische Aktionen der USA während Trumps Amtszeit – etwa auf Angriffe gegen iranische Atomanlagen oder verdeckte und offensichtliche Operationen gegen das Regime in Venezuela, wie zuletzt die „Entführung“ des venezolanischen Staatspräsidenten Maduro. Diese Einwände sind berechtigt, aber sie verfehlen den Kern der Analyse. Denn keine dieser Maßnahmen stellte einen Krieg dar. Es gab weder eine Invasion noch eine dauerhafte militärische Eskalation, keinen Regimewechsel durch offene Gewalt und keinen Eintritt in einen neuen bewaffneten Konflikt. Trump nutzte militärische Mittel unterhalb der Kriegsschwelle – als Druckinstrument, nicht als Eintrittskarte in den Krieg. Gerade diese Unterscheidung markiert den Unterschied zwischen einer aggressiven Außenpolitik und der bewussten Vermeidung eines War of Choice.
Donald Trump ist kein historischer Sonderfall. Seine außenpolitische Haltung – Eskalation zur Vermeidung des Krieges, Druck statt Dauerintervention, Verhandlung statt moralischer Mission – steht nicht außerhalb der Geschichte, sondern in einer längeren Tradition politischer Akteure, die versuchten, Krieg zu vermeiden, obwohl die Strukturen um sie herum längst auf Eskalation programmiert waren. Ein Jahrhundert zuvor befand sich Europa in einer vergleichbaren Lage. Auch damals verdichteten sich Bündnisse, militärische Automatismen und geopolitische Rivalitäten zu einem System, das politische Steuerung zunehmend verdrängte. Auch damals wurde ein Staatsoberhaupt später zum Hauptschuldigen erklärt, obwohl die Eskalationslogik längst außer Kontrolle geraten war. Wer Donald Trumps außenpolitisches Handeln verstehen will, kommt deshalb nicht umhin, einen Blick auf Wilhelm II. zu werfen – den letzten deutschen Kaiser, der heute als Kriegstreiber gilt, obwohl er den Krieg vielfach als aufgezwungen erlebte.
Wilhelm II.: Vergebliche Friedensdiplomatie zur Vermeidung eines aufgezwungenen Krieges
Das Bild, das die Deutschen von Wilhelm II. und dem Deutschen Reich haben, ist bis heute überwiegend negativ. Es ist kein historischer Zufall, sondern das Ergebnis einer Geschichtsschreibung, die nach 1945 unter den Bedingungen von Niederlage, alliierter Besatzung und gezielter Re-Education geprägt wurde. Wilhelm II. wurde dabei zur personifizierten Ursache des Ersten Weltkriegs stilisiert – eine Vereinfachung, die strukturelle Ursachen ausblendete und Verantwortung personalisierte. Dass Geschichte in der Regel von den Siegern geschrieben wird, gilt für den Ersten wie für den Zweiten Weltkrieg und prägt bis heute den deutschen Blick auf die eigene Vergangenheit. Ein differenzierter Blick zeigt jedoch einen Herrscher, der früh erkannte, dass Europa auf einen Krieg zusteuerte – und der zugleich versuchte, ihn zu verhindern oder zumindest zu begrenzen. Wilhelm II. war kein pazifistischer Idealist, aber auch kein irrationaler Kriegstreiber. Er war Monarch eines jungen, wirtschaftlich aufstrebenden Reiches, das von den etablierten Großmächten Europas mit wachsendem Misstrauen betrachtet wurde.
Frankreich strebte seit der Niederlage von 1870/71 offen nach Revanche und der Rückgewinnung von Elsass-Lothringen. Großbritannien wiederum sah im Deutschen Reich keinen Partner, sondern einen strukturellen Konkurrenten: industriell effizienter, technologisch führend und zunehmend auch maritim ambitioniert. Das deutsche Flottenprogramm wurde in London nicht als Symbol nationaler Eitelkeit gelesen, sondern als Herausforderung der britischen Weltstellung. Bündnisse mit Paris oder London kamen für Berlin faktisch nicht zustande. Österreich-Ungarn blieb der einzige mögliche Partner. Für Wilhelm II., geprägt durch preußische Erziehung, monarchisches Ehrverständnis und das Prinzip der Bündnistreue, war dieses Bündnis keine taktische Option, sondern Staatsräson. Ein Bruch mit Wien hätte nicht Frieden bedeutet, sondern strategische Isolation – umgeben von rivalisierenden Großmächten. Schon 1913 warnte Wilhelm II. in einem Gespräch mit Reichstagsabgeordneten vor einer Konfrontation mit Russland und England und setzte sich für eine diplomatische Lösung des Balkankonflikts ein. Auch nach der Ermordung von Thronfolger Franz Ferdinand in Sarajevo versuchte der Kaiser, Österreich-Ungarn zu mäßigen – seine bekannte „Blanko-Unterstützung“ war keineswegs ein Freibrief, sondern Resultat diplomatischen Kalküls.
Nach dem Attentat von Sarajevo erkannte Wilhelm II. die Eskalationsgefahr sofort. Sein Ziel war die Vermeidung eines europäischen Flächenbrands und die Begrenzung des Konflikts auf den Balkan. Gerade deshalb drängte er Österreich-Ungarn zunächst zu raschem Handeln – um eine Internationalisierung zu verhindern. Doch Wien zögerte. Dieses Zögern erwies sich als fatal. Es verschaffte Russland, Frankreich und Großbritannien Zeit zur Mobilisierung. Als Serbien auf das Ultimatum nahezu vollständig einging, reagierte Wilhelm bremsend. In seinen Randbemerkungen zur serbischen Antwort, notierte er laut dem Historiker und Wilhelm II. Kenner John C.G. Röhl, dass damit „every reason for war disappears“ („jeder Grund für Krieg verschwindet“) – ein Punkt, der in der pauschalen Schuld-Erzählung regelmäßig untergeht. Der Kaiser, der fließend Englisch und Russisch sprach, bemühte sich in den Jahren vor dem Ersten Weltkrieg um eine stabile europäische Friedensordnung. Sein berühmter Briefwechsel mit seinem Verwandten, dem russischen Zaren Nikolaus II. („Nicky“) ist ein Beleg für diplomatisches Bemühen.
Die „Willy-Nicky“-Telegramme dokumentieren diesen Versuch: Wilhelm warnte seinen Cousin Nikolaus II. vor der Mobilmachung und schrieb sinngemäß, sein Botschafter habe auf „the danger & grave consequences involved by a mobilization“ hingewiesen; auch er selbst habe „the same“ telegrafiert – der Versuch, die Spirale zu stoppen, bevor sie irreversibel wird.
Ein differenzierter Blick zeigt jedoch einen Herrscher, der früh erkannte, dass Europa auf einen Krieg zusteuerte – und der zugleich versuchte, ihn zu verhindern oder zumindest zu begrenzen. Wilhelm II. war kein pazifistischer Idealist, aber auch kein irrationaler Kriegstreiber. Er war Monarch eines jungen, wirtschaftlich aufstrebenden Reiches, das von den etablierten Großmächten Europas mit wachsendem Misstrauen betrachtet wurde. Frankreich strebte seit der Niederlage von 1870/71 offen nach Revanche und der Rückgewinnung von Elsass-Lothringen. Großbritannien wiederum sah im Deutschen Reich keinen Partner, sondern einen strukturellen Konkurrenten: industriell effizienter, technologisch führend und zunehmend auch maritim ambitioniert. Das deutsche Flottenprogramm wurde in London nicht als Symbol nationaler Eitelkeit gelesen, sondern als Herausforderung der britischen Weltstellung. Bündnisse mit Paris oder London kamen für Berlin faktisch nicht zustande. Österreich-Ungarn blieb der einzige verlässliche Partner. Für Wilhelm II., geprägt durch preußische Erziehung, monarchisches Ehrverständnis und das Prinzip der Bündnistreue, war dieses Bündnis keine taktische Option, sondern Staatsräson. Ein Bruch mit Wien hätte nicht Frieden bedeutet, sondern strategische Isolation – umgeben von rivalisierenden Großmächten.
Gleichzeitig war Wilhelm II. auch eine tragische Figur. Seine schwere Geburtsverletzung – eine dauerhaft verkürzte und teilgelähmte linke Hand infolge einer komplizierten Zangengeburt 1859 – prägte sein Selbstbild tiefgreifend. Zeitgenössische Beobachter wie auch die moderne Geschichtswissenschaft sehen darin einen zentralen psychologischen Faktor: Wilhelm entwickelte früh ein starkes Bedürfnis nach Anerkennung, Kontrolle und persönlicher Geltung. Dieses Kompensationsverhalten äußerte sich in demonstrativer Männlichkeit, ausgeprägtem Geltungsdrang, impulsivem Auftreten und einer Neigung zu Rechthaberei und autoritärem Führungsstil. Historiker wie John C. G. Röhl beschreiben den Kaiser als innerlich zutiefst verunsichert, zugleich aber getrieben vom Wunsch, seine körperliche Schwäche durch symbolische Stärke, militärische Pose und herrschaftliche Inszenierung zu überdecken. Die persönliche Disposition Wilhelms wirkte damit nicht nur privat, sondern hatte politische Konsequenzen, da sie Entscheidungsprozesse emotionalisierte und seine Abhängigkeit von militärischer Anerkennung verstärkte. Trotz dieser persönlichen Defizite ist Wilhelm II. Rolle nicht zu entschuldigen, aber wird dadurch erklärbar: Seine autoritären Züge und sein Hang zur Selbstdarstellung erscheinen weniger als reine Willkür, sondern als Resultat einer lebenslangen inneren Spannung zwischen realer Schwäche und inszenierter Stärke. Genau diese Spannung machte ihn anfällig für militärische Autoritäten – und begünstigte seine faktische Entmachtung ab 1916 durch seinen seinem Generalstab (insbesondere durch von Hindenburg und von Ludendorff), weil sie ihm nach den Rückschlägen der Jahre 1914–1916 die militärische Führung schlicht nicht zutrauten. Formell blieb er Oberbefehlshaber, operativ hatte er jedoch keine Kontrolle mehr.
Der Erste Weltkrieg war ein Resultat multilateraler Eskalation, in der insbesondere Russland und Frankreich früh mobilmachten. Dass Wilhelm II. noch am 1. August 1914 versuchte, den Krieg durch ein letztes Ultimatum an Russland zu verhindern, wird oft übersehen. Doch die Logik der Generalstäbe und Bündnisse überholte die Politik. Mit der russischen Generalmobilmachung sah Wilhelm den Krieg als aufgezwungen an. Nicht gewollt, sondern erzwungen durch die Dynamik der Großmächte. Auch im weiteren Verlauf blieb Wilhelm kein Befürworter eines totalen Krieges. Ab 1916 wuchs seine Distanz zur Obersten Heeresleitung. Friedensfühler über neutrale Staaten und den Vatikan fanden seine Unterstützung. Politisch war Wilhelm zu diesem Zeitpunkt bereits marginalisiert. Als sich 1917/18 revolutionäre Unruhen in Deutschland abzeichneten, lehnte Wilhelm Vorschläge ab, militärisch gegen die eigene Bevölkerung vorzugehen. Er wollte keinen Bürgerkrieg, kein Blutvergießen im Inneren. Auch hier handelte er gegen militärische Hardliner. Was Wilhelm II. im Sommer 1914 erlebte – den Verlust politischer Steuerungsfähigkeit durch Bündniszwang, Mobilmachungslogik und Großmachtinteressen –, ist kein historischer Sonderfall. Ein Jahrhundert später begegnet dieselbe Dynamik in veränderter Form erneut: Warnungen werden ignoriert, rote Linien verschoben, Verhandlungsfenster beschädigt – bis Gewalt als „alternativlos“ verkauft wird.
Wenn man den moralischen Reflex kurz beiseitelässt und die Struktur der Eskalation betrachtet, wird die Parallele unübersehbar: So wie das Deutsche Reich unter Kaiser Wilhelm II. 1914 den Krieg nicht geplant hat, sondern dieser ihm durch Bündniszwang, Mobilmachungsautomatismen und strategische Einkreisung aufgezwungen wurde, so wurde auch Russland unter Wladimir Putin über Jahre in einen Konflikt gedrängt, dessen Ausbruch lange vorbereitet war. In beiden Fällen versagten politische Steuerungsmechanismen, weil internationale Ordnungen Sicherheit nicht als Ausgleich, sondern als Machtfrage behandelten. Warnungen wurden ignoriert, Zusagen relativiert, rote Linien verschoben – bis die militärische Logik das Vakuum füllte, das Diplomatie hinterlassen hatte. Der Krieg erscheint dann nicht mehr als bewusste Entscheidung eines Einzelnen, sondern als Produkt eines Systems, das Deeskalation als Schwäche und Eskalation als Handlungsfähigkeit interpretiert. Genau hier liegt die unbequeme Verbindung zwischen Wilhelm II. und Wladimir Putin: nicht in Schuld oder Rechtfertigung, sondern in der Erfahrung, dass moderne Machtordnungen Kriege hervorbringen können, die aufgrund der Dynamik der Ereignisse nicht mehr aufgehalten werden können.
Wladimir Putin: Verteidiger der Sicherheitsinteressen Russlands
Im westlichen Diskurs gilt Russland nahezu ausschließlich als Aggressor. Diese Zuschreibung ist politisch wirksam, aber analytisch verkürzend. Sie blendet eine lange sicherheitspolitische Vorgeschichte aus, in der Russland wiederholt versuchte, seine Interessen in eine europäische Nachkriegsordnung einzubringen – und dabei systematisch scheiterte. Wer diesen Krieg verstehen will, ohne ihn zu rechtfertigen, muss genau diese Vorgeschichte rekonstruieren. Der Ausgangspunkt liegt im Ende des Kalten Krieges. Mit dem Zerfall der Sowjetunion entstand Anfang der 1990er-Jahre ein historisches Vakuum: Eine gesamte Sicherheitsarchitektur Europas musste neu gedacht werden. In diesem Kontext wurden politische Zusicherungen gegeben, die später zu einem Kern russischer Argumentation wurden. Der damalige deutsche Außenminister Hans-Dietrich Genscher erklärte am 31. Januar 1990 öffentlich, es werde keine Ausdehnung der NATO nach Osten geben. Auch US-Außenminister James Baker sprach wenige Tage später gegenüber Michail Gorbatschow davon, dass sich die NATO „not one inch eastward“ ausdehnen werde. Diese Aussagen waren kein völkerrechtlicher Vertrag – aber sie waren politische Zusicherungen auf höchster Ebene, gedacht als Vertrauensbasis für die deutsche Einheit und die europäische Nachkriegsordnung.
Aus westlicher Sicht galten diese Zusagen als situationsgebunden, nicht bindend. Aus russischer Sicht bildeten sie jedoch das Fundament eines stillschweigenden Konsenses: Sicherheit durch Zurückhaltung. Genau hier beginnt die strukturelle Asymmetrie, die das Verhältnis bis heute prägt. Denn während Russland seine Truppen aus Osteuropa abzog und den Warschauer Pakt auflöste, begann die NATO ab Mitte der 1990er-Jahre mit einer schrittweisen Osterweiterung – zunächst nach Mitteleuropa, später bis an die russische Grenze. Hinzu kommt ein Punkt, der in der öffentlichen Debatte selten erwähnt wird: Russland testete zu Beginn der Putin-Ära durchaus die Möglichkeit einer Integration. Putin schilderte später, er habe Bill Clinton direkt gefragt, ob Russland perspektivisch Mitglied der NATO werden könne. Clinton habe zunächst offen reagiert, nach Rücksprache mit seinen Beratern sei die Stimmung jedoch abrupt gekippt. Unabhängig davon, wie man diese Erinnerung bewertet: Sie zeigt, dass Russland die NATO nicht von Beginn an als grundsätzlich feindlich definierte. Die Entscheidung, Russland dauerhaft außerhalb der westlichen Sicherheitsarchitektur zu halten, war eine politische Weichenstellung – mit langfristigen Folgen.
Diese Erfahrung bildet den Hintergrund für Putins Rede auf der Münchner Sicherheitskonferenz 2007. Dort formulierte er erstmals öffentlich und unmissverständlich die russische Systemkritik: Die unipolare Weltordnung, dominiert von den USA, sei instabil und gefährlich; die NATO-Osterweiterung eine Provokation, die legitime Sicherheitsinteressen Russlands missachte. Diese Rede war keine Kriegserklärung, sondern ein Warnsignal. Sie wurde im Westen weitgehend ignoriert oder als revisionistisches Säbelrasseln abgetan.
Spätestens ab 2014 verschärfte sich die Lage dramatisch. Der Machtwechsel in der Ukraine, die Abspaltung der Krim und der Ausbruch des bewaffneten Konflikts im Donbass führten zu einem dauerhaften Niedrigintensitätskrieg in unmittelbarer russischer Nachbarschaft. Unabhängig von der politischen Bewertung der Ereignisse dokumentieren Berichte der Vereinten Nationen über Jahre hinweg zivile Opfer, systematische Menschenrechtsverletzungen, willkürliche Inhaftierungen und Folter im Kontext des Konflikts. Der Donbass war damit kein abstraktes geopolitisches Thema, sondern ein realer Kriegsschauplatz – und aus russischer Perspektive ein Beleg dafür, dass die Ukraine zu einem sicherheitspolitischen Brennpunkt geworden war.
Die Minsker Abkommen sollten diese Eskalation eindämmen. Sie waren als politischer Kompromiss gedacht: Waffenruhe, Autonomieregelungen, Verfassungsreformen. Doch Minsk blieb von Anfang an fragil. Die Umsetzung stockte, gegenseitige Schuldzuweisungen dominierten. Jahre später erhielten die russischen Vorwürfe neue Nahrung, als westliche Spitzenpolitiker rückblickend erklärten, Minsk habe auch dazu gedient, Zeit zu gewinnen. Angela Merkel sagte, die Vereinbarungen hätten der Ukraine Zeit gegeben, um stärker zu werden. Auch der ehemalige französische Präsident François Hollande bestätigte, dass Minsk die Ausweitung der Kampfhandlungen begrenzt habe – und damit Zeit verschaffte. Man muss diese Aussagen nicht als bewusste Täuschung interpretieren. Aber man kann auch nicht ignorieren, wie sie in Moskau gelesen wurden: als Bestätigung eines tief sitzenden Misstrauens gegenüber westlicher Diplomatie. Für Putin fügte sich hier ein Muster zusammen: politische Zusagen ohne langfristige Bindung, Verhandlungen ohne Umsetzung, Sicherheitsinteressen ohne Anerkennung.
Vor diesem Hintergrund forderte Russland im Dezember 2021 formale Sicherheitsgarantien. Die Forderungen – Neutralität der Ukraine, Stopp weiterer NATO-Erweiterung, Rücknahme militärischer Infrastruktur – waren aus westlicher Sicht inakzeptabel. Sie wurden öffentlich zurückgewiesen. Aus russischer Sicht bedeutete dies das Ende des diplomatischen Spiels. Putin erklärte später, man habe alle Kanäle ausgeschöpft, ohne gehört zu werden. Der Angriff auf die Ukraine im Februar 2022 bleibt völkerrechtswidrig. Er ist politisch und moralisch nicht zu rechtfertigen. Aber er folgt einer inneren Logik, die ohne die vorhergehenden Entwicklungen nicht erklärbar ist. Putin stellte den Krieg als präventive Reaktion dar – als Versuch, eine aus seiner Sicht existenzielle Bedrohung zu neutralisieren, bevor sie unumkehrbar werde. Diese Argumentation überzeugt nicht zwingend, aber sie ist konsistent mit der russischen Sicherheitsdoktrin der letzten zwei Jahrzehnte.
Damit ist Putin weder Friedensstifter noch bloßer Wahnsinniger. Er ist ein Machtpolitiker, der Sicherheit als Nullsummenspiel begreift, der rote Linien zieht – und der am Ende selbst der Eskalationslogik erliegt, die er jahrelang kritisierte. Sein Scheitern liegt nicht nur in der Entscheidung zum Krieg, sondern in der Unfähigkeit, Vertrauen aufzubauen – und in einem internationalen System, das Warnungen ignoriert, solange sie keine unmittelbaren Kosten verursachen. Putin steht damit exemplarisch für eine tragische Konstellation moderner Geopolitik: Wenn Diplomatie entwertet wird, bleiben am Ende nur noch Machtmittel. Und wenn Machtmittel eingesetzt werden, schreiben die Sieger die Geschichte. Genau hier schließt sich der Kreis zu Wilhelm II. und Donald Trump – drei Figuren, drei Epochen, ein wiederkehrendes Muster aus gescheiterten Ordnungsversuchen, beschädigtem Vertrauen und eskalierender Systemlogik.
Gemeinsam ist diesen drei Fällen nicht Unschuld, sondern Konfrontation mit einer Ordnung, die Frieden nicht durch Ausgleich stabilisiert, sondern durch Machtprojektion erzwingt. Warnungen werden ignoriert, Zusagen relativiert, Verhandlungsfenster beschädigt – bis Gewalt nicht mehr als Wahl erscheint, sondern als vermeintliche Konsequenz. In solchen Systemen verlieren Worte an Wert, während Fakten geschaffen werden. Am Ende schreiben die Sieger die Geschichte. Sie verdichten komplexe Eskalationsketten zu einfachen Schuldnarrativen und erklären Strukturen zu Absichten. Genau hier setzt dieser Text an. Er verteidigt keine Kriege und relativiert keine Verantwortung. Aber er stellt eine unbequeme Frage: Was, wenn nicht einzelne Männer das eigentliche Problem sind – sondern internationale Machtordnungen, die verlernt haben, Frieden als gestaltbare Aufgabe zu begreifen?
Drei Staatsführer, ein Muster
Was Donald Trump, Wilhelm II. und Wladimir Putin verbindet, ist weder ihr Charakter noch ihr politischer Stil. Es ist auch nicht allein ihre – unterschiedlich ausgeprägte – Friedensorientierung. Was sie eint, ist ihre jeweilige Position in den zeitlich sehr unterschiedlich verfassten internationalen Systemen. Im Ersten und Zweiten Weltkrieg ging es vereinfacht gesagt darum, wer der Mächtigste ist und wer wen dominiert. Nach dem Zweiten Weltkrieg fand eine Verlagerung politischer Prioritäten von strategischer Machtpolitik auf Wirtschafts- und Einflusszonen statt. Rohstoffe und Handelsrouten wurden wichtiger als die faktische militärische Kontrolle von Staaten. „Gewählte Kriege“ lösten die „erzwungenen Kriege“ ab. In der strategischen Theorie wird zwischen beiden, ersterer als „Wars of Choice“ und zweiterer als „Wars of Necessity“ unterschieden: zwischen Kriegen, die geführt werden, obwohl Alternativen bestehen, und solchen, die aus einer als unausweichlich empfundenen Zwangslage heraus entstehen. Diese Unterscheidung ist kein moralischer Freispruch, sondern ein analytisches Instrument. Donald Trump verweigerte sich bewusst dem War of Choice. Er betrachtete Krieg nicht als moralisches Werkzeug, sondern als schlechten Deal. Interventionen, Regimewechsel, endlose Konflikte ohne klaren Nutzen – all das lehnte er ab. Seine Außenpolitik war konfrontativ im Ton, aber zurückhaltend in der Tat. Eskalation diente ihm als Druckmittel, um Verhandlungen zu erzwingen, nicht als Selbstzweck. In einem System, das militärische Aktivität mit Handlungsfähigkeit verwechselt, war genau das seine Provokation. Wilhelm II. hingegen geriet 1914 in einen klassischen War of Necessity – nicht, weil er ihn wollte, sondern weil Bündniszwänge, Mobilmachungsautomatismen und Großmachtinteressen politische Steuerung verdrängten. Der Erste Weltkrieg war für das Deutsche Reich kein frei gewählter Krieg, sondern das Resultat eines Systems, das Deeskalation nicht mehr zuließ, sobald bestimmte Schwellen überschritten waren. Wilhelm verlor die Kontrolle nicht durch Aggression, sondern durch strukturelle Ohnmacht. Wladimir Putin schließlich nimmt eine Zwischenstellung ein – und gerade darin liegt die analytische Schärfe. Er wurde nicht mechanisch in den Krieg gezwungen wie Wilhelm II. Doch er interpretierte die Entwicklungen der letzten Jahrzehnte – NATO-Osterweiterung, gebrochene politische Zusicherungen, gescheiterte Vertragslogik, den Donbass-Krieg und die rückblickenden Aussagen westlicher Spitzenpolitiker zu Minsk – als schleichende strategische Einkreisung. In dieser Wahrnehmung entstand der Entschluss, zuzuschlagen, bevor die Gegenseite es aus seiner Sicht unter günstigeren Bedingungen hätte tun können. Der Ukrainekrieg ist damit kein klassischer War of Choice, aber auch kein rein aufgezwungener War of Necessity. Er ist ein präemptiver Krieg aus subjektiv empfundener Zwangslage heraus – eine bewusste Entscheidung unter dem Eindruck eines als geschlossen wahrgenommenen Handlungskorridors.
Globale Friedenssicherung durch Multipolarität
Die Schwäche moderner Geopolitik liegt nicht im Mangel an Institutionen, sondern im Versagen ihrer Friedensmechanismen. Weder der Völkerbund als Reaktion auf den Ersten Weltkrieg noch die Vereinten Nationen als Ergebnis des Zweiten konnten das leisten, wofür sie geschaffen wurden: dauerhafte Friedenssicherung. Beide Konstruktionen folgten derselben Grundannahme – dass kollektive Moral, formale Regeln und multilaterale Foren ausreichen würden, um Machtkonflikte einzuhegen. Die Geschichte hat diese Annahme widerlegt.
Der Völkerbund scheiterte, weil er keine Durchsetzungsmacht besaß. Die Vereinten Nationen scheitern, weil ihre Durchsetzungsmacht politisiert ist. Vetorechte, Blockbildungen und geopolitische Interessen haben die UNO zu einem Schauplatz konkurrierender Narrative gemacht, nicht zu einem wirksamen Instrument der Deeskalation. Frieden wurde verwaltet, nicht gesichert. Konflikte wurden moderiert, nicht gelöst. Und Kriege fanden weiterhin statt – oft mit UN-Mandat, häufig ohne, aber nahezu immer außerhalb realer präventiver Kontrolle. Die regelbasierte Weltordnung war von Anfang an zum Scheitern verurteilt, weil Regeln flexibel sind und keine moralische und politische Verantwortlichkeit im Sinne des Völkerrechts bedeuten.Wenn Frieden nicht durch moralische Appelle, sondern nur durch stabile Machtbalance gesichert werden kann, dann drängt sich eine unbequeme, aber naheliegende Konsequenz auf: Die unipolare oder pseudomultilaterale Weltordnung ist strukturell überfordert. Eine realistische Friedensarchitektur der Zukunft müsste multipolar gedacht werden – nicht als chaotische Vielpoligkeit, sondern als geordnete Verantwortungsaufteilung.
Ein mögliches Modell wäre eine echte multipolare Weltordnung, gegliedert nach den fünf Kontinenten, in der jeweils ein Staat die Führungs- und Friedenssicherungsfunktion für seinen Raum übernimmt – nicht als Hegemon, sondern als verantwortlicher Stabilitätsanker. Diese Führungsrolle wäre kein Selbstzweck, sondern ein Mandat: die Pflicht, regionale Konflikte frühzeitig einzuhegen, Eskalationen zu verhindern und als primärer Vermittler zu agieren, bevor globale Akteure involviert werden. Verantwortung statt Intervention. Ordnung statt Ideologie. Ein solches Modell würde Macht neu kanalisieren. Es würde globale Eskalationsketten verkürzen, weil nicht jeder regionale Konflikt sofort zum Stellvertreterkrieg globaler Mächte würde. Und es würde die Illusion beenden, dass Frieden durch entgrenzte Moral oder universale Normsetzung entsteht. Frieden entsteht dort, wo Verantwortung klar zugeordnet ist – und wo Macht mit Pflicht verbunden wird.
Vielleicht liegt genau hier die Lehre aus den gescheiterten Friedensordnungen des 20. Jahrhunderts: Nicht immer neue Institutionen sichern den Frieden, sondern Strukturen, die menschliche Machtinteressen nicht ignorieren, sondern einhegen. Eine multipolare Ordnung, die Kontinente stabilisiert, statt sie zu bevormunden, wäre kein utopisches Projekt – sondern ein überfälliger Schritt.
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Von : Stephan