Ein Dritter Weltkrieg als letzte Option?
Ablenkung vom eigenen Versagen: Die EU-Eliten setzen mit NATO-Unterstützung zum Erhalt auf die ultimative Konfrontation
Europa steht nicht nur vor der Wahl zwischen Frieden und Krieg. Es steht im Zweifel vor dem Abgrund eines militärischen nuklearen Schlagabtauschs. Die militärische Auseinandersetzung in der Ukraine ist aus völkerrechtlicher Perspektive kein Krieg, auch wenn sie in den Medien so benannt wird.
Das politische und militärische Gezerre um die Ukraine, lenkt davon ab, dass die politischen Eliten der EU vor einem selbst geschaffenen Dilemma stehen: Entweder sie stellen sich den Folgen ihres jahrelangen politischen Versagens – oder sie versuchen, die wachsende innere Instabilität durch eine außenpolitische Eskalation zu überdecken. In diesem Kontext erscheint die Konfrontation mit Russland zunehmend als letzter Ausweg, um vom eigenen Scheitern abzulenken und den Status quo zu sichern.
Wer genau hinsieht, erkennt: Diese Eskalation wird nicht primär von Moskau vorangetrieben, sondern von den EU- und transatlantischen Führungseliten, die innenpolitisch gescheitert sind und eine außenpolitische Konfrontation mit Russland als letzte Rettung missbrauchen werden. Die Warnsignale in den EU-Mitgliedstaaten sind unübersehbar und eindeutig: wirtschaftliche Stagnation, Kostenexplosion bei Grundnahrungsmitteln und Energie, überlastete Sozialsysteme, ansteigende Armut selbst in den Industrieländern (in Deutschland gelten rund 13 Mio. bis 17,7 Menschen als arm oder armutsgefährdet) und ein wachsender Vertrauensverlust in staatliche Institutionen und Frust gegenüber den etablierten Parteien in fast allen EU-Staaten prägen das Bild.
Gleichzeitig steigen die Militärausgaben rasant an – in Deutschland sind sie inzwischen nach dem Sozialhaushalt einer der größten Ausgabenposten des Bundeshaushalts. Diese Prioritätenverschiebung erfolgt nicht aus Stärke, sondern aus politischer Defensive. Hinzukommen die ausufernden Staatsverschuldungen vorwiegend der westlichen EU‑Mitgliedsstaaten, die die Stabilität des Euro-Systems bedrohen. Der Inflationsanstieg der letzten Jahre zeugt davon.
Die EU steht vor einer Zerreißprobe
Frankreichs Präsident Emmanuel Macron proklamiert das „geopolitisch erwachsene Europa", während sein Land von Rentenrevolten und Staatsbankrott-Vorwarnungen erschüttert wird. Großbritannien, wenngleich nicht mehr Mitglied der EU, kompensiert das Brexit-Fiasko, innerkulturelle und soziale Spannungen mit einem harten Vorgehen gegen "missliebige Meinungsäußerungen" und den Kollaps des staatlichen Gesundheitssystems NHS (National Health Service) mit aggressiver Anti-Russland-Rhetorik. Italien und Spanien folgen demselben Muster, wenn auch mit eigener Tonlage. In Italien ringt Ministerpräsidentin Giorgia Meloni mit struktureller Stagnation, hoher Staatsverschuldung und einem brüchigen sozialen Gefüge. Die außenpolitische Rhetorik bleibt deshalb bewusst gedämpft und der Fokus liegt auf nationaler Stabilisierung statt auf eskalatorischer Führungsambition. Spanien wiederum steht unter dem Druck innerer Fragmentierung, regionaler Spannungen und eines fragilen Regierungsbündnisses. Auch hier ersetzt innerpolitische Vorsicht den außenpolitischen Furor – nicht aus Überzeugung, sondern aus Notwendigkeit.
Die Visegrád-Staaten folgen zunehmend ihren Eigeninteressen
Deutlicher noch wird der innere Bruch Europas in Mittel- und Osteuropa. In der Slowakei stemmt sich Premierminister Robert Fico gegen zentrale EU-Initiativen wie das Auslaufen von russischen Energieimporten. Gemeinsam mit Viktor Orbáns Regierung hat er wiederholt Sanktionen und Energiepläne blockiert, weil sie sie als wirtschaftlich und politisch schädlich für ihre Staaten betrachten. In Ungarn ist Orbán seit 2010 im Amt und treibt seine anti-EU- sowie anti-Ukraine-Rhetorik weiter voran, darunter jüngste Initiativen, die EU-Finanzierung für die Ukraine abzulehnen und nationale „Referenden“ zu politischen Prioritäten zu propagieren. Besonders ambivalent ist die Lage in Polen und Tschechien, wo interne Machtkonstellationen widersprüchliche außenpolitische Linien erzeugen. In Polen steht der proeuropäische Regierungschef Donald Tusk einer Präsidentschaft unter Karol Nawrocki gegenüber, der konservativ-patriotisch auftritt und enge kulturelle Bindung an traditionelle Werte und Vetorechte nutzt, um Tusks Reformagenda herauszufordern. In der Tschechischen Republik wiederum ist Ministerpräsident Andrej Babiš faktisch gegen eine weitere Eskalation innerhalb der EU ausgerichtet und hat sich deutlich von der früheren pro-westlichen Linie entfernt, während Staatspräsident Petr Pavel weiterhin pro-EU und transatlantisch positioniert bleibt. Gerade diese Staaten stellen sich – offen oder verdeckt – gegen eine weitere Eskalation aus Brüssel. Nicht unbedingt aus Nähe zu Russland, sondern aus dem Bewusstsein heraus, dass die Kosten einer Zuspitzung ihre Gesellschaften unmittelbar treffen würden. Europa spricht zwar offiziell mit einer Stimme (EU-Kommission), handelt aber längst mit vielen – und nicht alle sind bereit, den Weg der Konfrontation bis zum Ende mitzugehen.
Phlegmatischer Patient: die Bundesrepublik als Treiber eines "weiter so"
In der Bundesrepublik Deutschland ist die innenpolitische Fragilität nicht zu übersehen. Die Koalition aus SPD und Union ist sich öfter uneinig, als dass sie einig ist. Der Bundeskanzler Merz geriert sich als „Außenkanzler“ und lässt die geerbten Probleme der Vorgängerregierung weitestgehend unangetastet. Währenddessen propagiert der Verteidigungsminister Boris Pistorius die „Kriegstüchtigkeit“. Diese Wortwahl markiert eine neue Stufe der Eskalationsrhetorik. Die Jungen sind konsterniert bis frustriert und zweifeln an der Handlungsfähigkeit der Politik. Die Shell-Jugendstudie 2024 macht es brutal deutlich: 55 % sagen, staatliche Maßnahmen bringen ihnen nichts. Sie haben ausgeprägte Zukunftssorgen, insbesondere vor einem Krieg in Europa (80 % der Befragten). Es herrscht also keine Aufbruchsstimmung, sondern Nüchternheit, Pragmatismus und latente Frustration. Und in dieser Situation sollen genügend für die Wehrpflicht gewonnen werden? Ein Generationenpakt, der aus Sicht vieler junger Menschen vorwiegend Schulden, Unsicherheit und enttäuschte Versprechen hinterlässt, kann kaum Bereitschaft zu persönlichen Opfern erzeugen. Auffallend ist, dass die EU und Partner (Koalition der Willigen) der Ukraine gleichzeitig diplomatische Initiativen und Sicherheitsangebote aus Moskau, die auf gegenseitige Garantien abzielten, ignorieren.
Ukraine-Paradoxon: Waffenstillstand statt Friedensvertrag
Auffällig bis ins Absurde: Friedensverhandlungen scheitern regelmäßig dann, wenn sie konkrete Formen annehmen. Ukrainische Angriffe auf russisches Kernland, westliche Waffenlieferungen, perfides Timing – immer genau dann, wenn Diplomatie greifen könnte. Kiew zeigt null Kompromissbereitschaft, während Russland seine Sicherheitsinteressen – NATO-Raketen an der Grenze, Osterweiterung – als rote Linie deklariert. Donald Trump spricht von einem Friedensabkommen. Die EU und die Ukraine möchten einen Waffenstillstand. Russland und auch die USA hingegen streben einen Friedensvertrag an. Das ist kein Zufall, denn die zwei Begriffe sind völkerrechtlich entscheidend: Ein Waffenstillstand ist reversibel, ein Friedensvertrag bindend. Wer nur vom Waffenstillstand redet, plant keine Lösung, sondern eine Pause zum Nachrüsten.
Bundesverteidigungsminister Pistorius hat 2029 als politische Zielmarke für eine ‚kriegstüchtige‘ Bundeswehr benannt – und viele NATO-Planer sehen etwa Ende dieses Jahrzehnts ein mögliches Zeitfenster, in dem Russland ausreichend Kräfte aufgebaut haben könnte, um eine Konfrontation zu testen. Ist das Abschreckung oder Kalenderplanung? Putin hat mehrfach Sicherheitsgarantien angeboten – unter der Bedingung, dass NATO-Raketen aus seinem strategischen Hinterhof verschwinden. Europa lehnt ab. Warum?
Ein Dritter Weltkrieg würde nicht mit einem sofortigen Atomschlag beginnen. Er entwickelt sich konventionell – und wird nuklear, wenn eine Seite konventionell unterliegt. Genau das ist die Logik der kürzlich geänderten russischen Nukleardoktrin. Putin hat die Hürden gesenkt: Ein konventioneller Angriff auf Russland oder Belarus, unterstützt von einer Atommacht (NATO!), gilt als „gemeinsamer Angriff". Massenangriffe mit Drohnen, Raketen oder Flugzeugen auf russisches Kernland lösen nukleare Reaktionen aus – wenn sie eine „kritische Bedrohung" darstellen.
Die Bundeswehr geht für den hypothetischen Fall eines Krieges mit Russland davon aus, täglich hunderte verletzte Soldaten bergen und versorgen zu müssen. „Realistisch gesehen, sprechen wir von einer Zahl um die 1000 verwundeten Soldaten pro Tag“, sagte Generaloberstabsarzt Ralf Hoffmann laut der Berliner Morgenpost. Der Reservistenverband bestätigt: „Und das klingt jetzt brutal, ich weiß: Aber nach Berechnungen der Bundeswehr werden im Kriegsfall pro Tag 1000 Soldaten an der Front sterben oder so schwer verwundet sein, dass sie nicht mehr kämpfen können“, sagt Patrick Sensburg, der Vorsitzende des Verbandes, laut Tagesspiegel. Die müssten ersetzt werden, maßgeblich durch Reservisten.
In zahlreichen öffentlichen Äußerungen schildern führende EU-Repräsentanten Russland als existenzielle Bedrohung und rufen zu verstärkter Verteidigungsbereitschaft auf. Die EU-Außenbeauftragte Kaja Kallas spricht von einem anhaltenden Sicherheitsrisiko, das nur durch mehr Investitionen abgewehrt werden kann, und Ursula von der Leyen betont, Europa müsse seine eigene Sicherheit aktiv verteidigen. Diese harte Rhetorik signalisiert, dass eine Politik ohne klare innenpolitische Alternative zu Abschreckung und Unterstützung der Ukraine als einzige Lösung wahrgenommen wird.
Falkland 1982: Tote Soldaten für politische Illusionen
Das Agieren der EU gegenüber Russland erinnert an einen militärischen Konflikt aus der Zeit des Kalten Krieges, der ähnlich harmlos begann und dann schnell eskalierte: Argentiniens Militärjunta stand 1982 vor dem vollständigen innenpolitischen Kollaps: galoppierende Inflation über 100 Prozent, Massenproteste, Menschenrechtsverbrechen, wirtschaftlicher Bankrott. Die Antwort des Diktators Leopoldo Galtieri: Am 2. April 1982 griff er die britisch kontrollierten Falklandinseln an. 904 Soldaten starben für eine innenpolitische Ablenkung. Im Falklandkrieg gab es 649 argentinische Gefallene, 255 britische Tote – bei nur 74 Kriegstagen. Über 1.000 Verwundete, 11.000 argentinische Soldaten gerieten in Gefangenschaft. Galtieri ließ sich jubelnd von der Menge in Buenos Aires feiern. Doch Margaret Thatcher, damals britische Premierministerin, konterte kompromisslos. Großbritannien entsandte eine Flotte, landete Truppen, zerstörte die argentinische Luftwaffe und zwang die Junta zur Kapitulation. Galtieri wurde abgesetzt, vor Gericht gestellt und starb im Gefängnis. Zwei Jahre später brach die Junta endgültig zusammen. Der innenpolitische Druck explodierte nach der Niederlage umso heftiger.
Trump: Kein Interesse an Eskalation in der Ukraine
Der Ukrainekrieg zeigt ein wiederkehrendes Muster: Grenznahe Vorfälle werden früh politisch aufgeladen, bevor sie technisch aufgeklärt sind. Mutmaßliche russische Angriffe auf NATO-Gebiet – insbesondere auf Polen – erzeugen regelmäßig Schlagzeilen, während spätere Korrekturen deutlich leiser ausfallen. Drohnen, die angeblich eingeschlagen sein sollen, werden intakt aufgefunden; zerstörte Gebäude erweisen sich bei näherer Betrachtung als bereits zuvor beschädigt; ein tödlicher Raketeneinschlag stellte sich als fehlgeleitete Flugabwehr heraus, nicht als russischer Angriff. Diese Dynamik ist kein Beweis für Inszenierung, aber sie wirkt wie ein Eskalationsbeschleuniger. Denn strategisch ist klar: Ohne NATO- und insbesondere militärische Beteiligung der USA – ist der Krieg für die Ukraine nicht zu gewinnen. Der Druck, die USA über die Bestandspflicht des Artikels 5 des NATO-Vertrags in den Konflikt hineinzuziehen, liegt offen auf dem Tisch – mit dem Risiko, dass ein bislang konventioneller Krieg in eine nukleare Eskalationslogik kippt.
Trotz aller erkennbaren Versuche, den Ukrainekrieg über Zwischenfälle und Eskalationsnarrative auszuweiten, reagieren die beiden entscheidenden Großmächte bislang auffallend kontrolliert. Sowohl Donald Trump als auch Wladimir Putin vermeiden Schritte, die eine direkte Konfrontation zwischen Russland und der NATO erzwingen würden. Gerade diese Zurückhaltung ist ein starkes Signal: Beide Seiten wissen, dass eine formale Eskalation den Übergang von einem regional begrenzten Stellvertreterkrieg zu einem globalen Konflikt markieren würde. Besonders bemerkenswert ist dabei, dass Trump gleichzeitig offen bereit ist, die NATO selbst politisch unter Druck zu setzen – etwa durch die demonstrative Konfrontation in der Grönland-Frage. Das deutet weniger auf Eskalationsbereitschaft als auf eine strategische Entkopplung hin. Vor diesem Hintergrund erscheint es äußerst unwahrscheinlich, dass Akteure, die auf eine gewaltsame Ausweitung des Krieges drängen, ihr Ziel erreichen: Die entscheidenden Machtzentren haben erkennbar kein Interesse an einem Flächenbrand.
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