Der Kampf um den Begriff "Tiefer Staat" ist der Kampf um die Macht

Donald Trump benutzt den Begriff häufig. Macht ihn das zum Verschwörungstheroetiker?

Recherchiert man den Begriff „Tiefer Staat“ auf der Suchmaschine Google, dann findet man als einen der ersten Suchtreffer einen Eintrag des Bayerischen Rundfunks (BR). Dessen Faktenfuchs weiß, dass es sich bei dem Begriff um einen Mythos handelt. 

Gleich zu Beginn des Artikels heißt es: „Mit der Verschwörungserzählung des ‚tiefen Staats‘ versuchen rechtsextreme Akteure, das Vertrauen in die Demokratie zu untergraben. Breiter bekannt wurde der Mythos von einer geheim kontrollierenden Elite durch Donald Trump und die AfD.“ Damit ist das Framing des Begriffs gesetzt. Infolge des Artikels wird die Bezeichnung als „wiederkehrendes Element in Verschwörungstheorien“ eingeordnet. Damit ist das Thema für den Faktenfuchs aber noch nicht ganz erledigt. Verknüpft wird die Bezeichnung mit US-Präsident Donald Trump und rechtsextremen und rechtspopulistischen Kreisen. 

Donald Trump benutzt den Begriff „Tiefer Staat“ als politischen Deutungsrahmen.  In seinen Reden, Interviews und vor allem in seinen Postings setzt er das Wort als Sammelbegriff für ein Machtmilieu, das außerhalb außerhalb demokratischer Strukturen wirkt: Teile der Bundesbürokratie („administrative state“), Sicherheits- und Ermittlungsbehörden, Ministerien, Gerichte, angeschlossene Expertensysteme – plus das, was er als „Swamp“ (Washingtoner Netzwerk aus Politik, Lobby, Medien) markiert. Der Begriff hat bei ihm damit eine klare Funktion: Er erklärt Widerstand gegen seine Agenda nicht primär als normale politische Opposition, sondern als institutionelle Gegenmacht innerhalb des Staates. Genau deshalb taucht „deep state“ bei ihm häufig im selben Atemzug mit „weaponization“ (Politisierung/Instrumentalisierung von Behörden), „witch hunt“ (Hexenjagd) und dem Versprechen auf, den Apparat „aufzuräumen“. 

Wie begründet er das? Trump argumentiert typischerweise in drei Linien, die er dann zu einer großen Erzählung bündelt: (1) Sabotage-These: Karrierebeamte und Behördenapparate würden Reformen blockieren, Informationen leaken oder Prozesse verschleppen, um seine Politik auszubremsen. (2) Strafverfolgungs-These: Ermittlungen gegen ihn und sein Umfeld seien Ausdruck einer „weaponized“ Justiz – also eines Staatsapparats, der Recht als Machtinstrument nutzt. (3) Sicherheitsapparat-These: Teile der Geheimdienst-/FBI-Welt hätten in den Jahren um 2016/2017 politisch agiert, um seine Präsidentschaft zu delegitimieren. Diese Logik ist für ihn der Brückenpfeiler: Wenn Institutionen einmal als politischer Akteur gerahmt sind, wirkt jede Untersuchung, jede Indiskretion, jede interne Kritik wie ein weiterer Beleg. Beobachter weisen seit Jahren darauf hin, dass der Begriff bei Trump bewusst elastisch bleibt: Er kann damit je nach Anlass Bürokratiekritik, Elitenkritik und Loyalitätsfragen in einer einzigen Chiffre bündeln. 

Auffällig ist außerdem die Operationalisierung des Begriffs: Trump nutzt „Tiefer Staat“ nicht nur als Diagnose, sondern als Legitimation für Strukturpolitik. Auf Truth Social und in Kampagnenbotschaften verbindet er das Schlagwort mit einem konkreten Umbauversprechen: den Staatsapparat personell und organisatorisch so umzubauen, dass „loyale“ Steuerung möglich wird – bis hin zur offenen Ankündigung, den „deep state“ zu „zerstören“. Das ist kommunikativ ein doppelter Hebel: Nach außen erzeugt es einen klaren Feindfokus („die sind schuld, nicht wir“), nach innen schafft es eine Rechtfertigung für harte Eingriffe in Behörden- und Personalstrukturen.

Den Begriff des Tiefen Staates würde Donald Trump allerdings kaum verwenden, wenn an der Deutung der Begrifflichkeit nichts dran wäre. Administrationen denken in Jahrzehnten, US-Präsidenten verschwinden nach maximal acht Jahren wieder.  Apropos nichts dran wäre: Sucht man bei der englischsprachigen Investigativrechercheplattform Wikileaks nach dem Begriff ‚Deep State‘ (Tiefer Staat), dann werden dort 63.640 Treffer angezeigt. Also muss doch etwas an dem Begriff dran sein, oder etwa nicht? Bevor die Glaubwürdigkeit des Begriffs weiter geprüft wird, ist es jedoch wichtig, sich mit dem ‚Totschlagargument‘ der Verschwörungstheorie kurz zu beschäftigen. Der Ausdruck Verschwörungstheorie kommt ursprünglich aus dem Englischen. „Conspiracy theory“ ist gemäß der Nachrichtenagentur AP seit dem 11. Januar 1863 in Druckform belegt (New York Times); als frühester namentlich greifbarer Verwender gilt Charles Astor Bristed. Ein einzelner „Erfinder“ im Sinne einer bewussten Wortschöpfung lässt sich seriös nicht festnageln – der Begriff entsteht als journalistische Wendung und wird dann breiter übernommen. Die CIA hat ihn nicht erfunden, sondern 1967 in einem Papier zur Warren-Report-Kritik als bereits geläufige Kategorie genutzt – was später den Mythos der „Erfindung“ befeuerte. Die abwertende Prägung im intellektuellen Diskurs verstärkt sich u. a. durch den österreichisch-britischen Philosophen Karl Popper, der von einer „Verschwörungstheorie der Gesellschaft“ spricht und damit eine Deutungsfolie liefert. Diese Popper-Linie wird später in Medien und Sozialwissenschaften oft verkürzt übernommen und als Label zur Abwertung genutzt, selbst wenn eigentlich nur legitime Alternativhypothesen gemeint sind.

Das Framing ist ein Indiz dafür, dass hier nicht nur über ein Wort, sondern über Deutungshoheit gestritten wird – und dass die Frage nach inoffiziellen Machtstrukturen politisch hochsensibel ist. Denn letztlich ist dieser ein Sammelbegriff für Vorgänge und Entscheidungen sowie Strukturen, die sich der Öffentlichkeit entziehen. Für westliche Demokratien hat also die Diskussion darüber, ob es so etwas gibt, absolute Relevanz, denn gemäß der Zuschreibungen, was der Tiefe Staat ist oder sein könnte, geht von ihm eine unmittelbare Gefahr für die Demokratie aus. Umso erstaunlicher ist es, dass jeglicher Versuch als abwegig dargestellt und mit dem Begriff der Verschwörungstheorie zum Schweigen gebracht wird. 

Was bezeichnet nun der Begriff genau? Ursprünglich stammt der Begriff aus der Türkei, um die dort herrschenden Beziehungen innerhalb der türkischen Militärdiktatur seit dem Militärputsch zu bezeichnen. Einem System, das sich aus Führungsfiguren innerhalb der Geheimdienste, des Militärs, des Polizei- und Sicherheitsapparats, der Justiz und des organisierten Verbrechens zusammensetzt. In den USA beschäftigen sich Jahrzehnten mit dem Phänomen des Tiefen Staats. Der ehemalige Air-Force-General, NSA- und CIA-Chef Michale Hayden sagte gegenüber dem Nachrichtensender CNN, dass er den sogenannten Deep State lieber als permanente Regierung bezeichnet. Ulrich Mies und Jens Wernicke sind die Herausgeber des 2022 erschienenen Buchs „Fassadendemokratie und Tiefer Staat“. Sie sind der Meinung, dass „die wirklich bedeutsamen politischen Entscheidungen (…) jedoch in den Tiefenstrukturen und Paralleluniversen der Macht getroffen“ werden. „Dies schließen alle Formen der Machtperversion wie Überwachung, Folter, Raub des Volksvermögens, Geheimdienstverbrechen, Angstproduktion bis hin zu Kriegsvorbereitung und die Durchführung von Angriffskriegen ein.“

 

Sichtbare und unsichtbare Macht – eine notwendige Unterscheidung

Wer den Begriff „Tiefer Staat“ reflexhaft verwirft, übersieht zunächst eine triviale, aber grundlegende Realität politischer Systeme: Macht ist niemals vollständig sichtbar. Sichtbare Macht ist institutionalisiert. Sie hat Regierungsinstitutionen, Namen, Ämter, Geschäftsordnungen, Pressekonferenzen. Parlamente, Gesetze. Regierungen fassen Beschlüsse und geben offizielle Erklärungen ab. Bündnisse wie die NATO oder die BRICS-Staaten existieren basierend auf offiziellen und einsehbaren Verträgen. Sie veranstalten Gipfeltreffen und haben offizielle Strukturen. Doch politische Systeme bestehen nicht nur aus dem, was öffentlich protokolliert wird.

Unsichtbare Macht ist nicht zwingend illegal oder illegitim. Sie ist strukturell bedingt. Geheimdienste operieren naturgemäß verdeckt. Militärische Planungen werden nicht live im Fernsehen übertragen. Strategische Entscheidungen werden in kleinen Zirkeln vorbereitet, bevor sie parlamentarisch legitimiert werden. Lobbyorganisationen nehmen Einfluss auf Gesetzgebungsprozesse, ohne selbst gewählt zu sein. Die Lobby-Datenbank Open Secrets dokumentiert detailliert, in welchem Umfang Interessenverbände auf den US-Kongress einwirken.

Thinktanks (Denkfabriken) formulieren sicherheitspolitische Leitlinien, die später in Regierungsdokumenten auftauchen – etwa Institutionen wie das Council on Foreign Relations oder die RAND Corporation. Geheimdienstkooperationen wie die Five Eyes arbeiten länderübergreifend – jenseits klassischer parlamentarischer Transparenz.

Auch der militärisch-industrielle Komplex ist kein verschwörungstheoretischer Begriff, sondern geht auf die Abschiedsrede von US-Präsident Dwight D. Eisenhower (1961) zurück, in der er ausdrücklich vor einer übermäßigen Verflechtung von Rüstungsindustrie und Politik warnte. All das ist kein Mythos. Es ist dokumentiert.

Die entscheidende Frage lautet daher nicht, ob es parallele Einflussstrukturen gibt.
Die entscheidende Frage lautet, wie weit ihr Einfluss reicht – und ob er politische Entscheidungen systematisch über gewählte Institutionen hinweg prägt. Hier verläuft die Grenze zwischen legitimer Systemanalyse und spekulativer Totalerzählung.

Einfluss ist nicht unbedingt gleich Steuerung. Koordination ist nicht unbedingt gleich Kontrolle. Netzwerke sind nicht automatisch Entscheider. Gleichzeitig wäre es naiv zu behaupten, politische Entscheidungen entstünden ausschließlich im Licht öffentlicher Debatten. Außen- und sicherheitspolitische Prozesse folgen häufig einer Logik, die der Öffentlichkeit erst im Nachhinein – und oft nur fragmentarisch – zugänglich wird.

Wer den Begriff „Tiefer Staat“ kategorisch ablehnt, muss erklären, warum institutionelle Intransparenz und dauerhafte Machtzentren politisch irrelevant sein sollen. Wer ihn hingegen als feststehende Realität behauptet, muss belegen, wo aus Einfluss eine systematische Parallelregierung wird. Zwischen diesen beiden Positionen liegt der Raum ernsthafter Analyse. Und genau in diesem Raum muss sich jede Debatte über geopolitische Konflikte – auch die aktuellen – bewegen.

Iran-Konflikt: Geopolitik folgt keiner Monokausalität

Militärische Operationen werden in der Regel nicht aus einem einzigen Motiv geführt. Offiziell kommunizierte Ziele – etwa die Eindämmung eines Atomprogramms oder die Zerstörung militärischer Infrastruktur – erfüllen eine Legitimationsfunktion nach innen und außen. Sie können zutreffen, sie können unvollständig sein, sie können politisch zugespitzt werden. Entscheidend ist: In der Geopolitik existiert fast immer eine zweite Ebene, die nicht im Pressestatement steht, weil Staaten nicht nur „Gefahren“ bekämpfen, sondern Machtverhältnisse gestalten. Der Irakkrieg 2003 ist dafür ein Lehrstück: Die öffentliche Begründung kreiste um Massenvernichtungswaffen, die nachgelagerte Untersuchung der Iraq Survey Group kam jedoch zu dem Ergebnis, dass solche Waffenbestände nicht gefunden wurden, nachzulesen im Duelfer Report / Iraq Survey Group Report (2004). Damit ist nicht automatisch bewiesen, dass jede Begründung stets vorgeschoben ist; es zeigt aber, wie groß die Differenz zwischen offizieller Begründungsarchitektur und strategischer Realität werden kann. Ähnlich gilt: Der gezielte US-Schlag gegen Qasem Soleimani 2020 wurde offiziell vom Pentagon mit Selbstverteidigung begründet, dokumentiert im Statement des U.S. Department of Defense (3. Januar 2020); unabhängig davon war die Wirkung geopolitisch und regional, weil damit das Kräfteverhältnis und die Eskalationslogik im gesamten Raum Irak–Iran–Golf neu gesetzt wurden. Die Schlussfolgerung ist banal und zugleich unbequem: Mehrziel-Strategie ist Realpolitik. Sie ist weder Skandal noch Beweis für einen allumfassenden Masterplan – aber sie ist der Normalzustand.

 

Nationale Staaten in transnationalen Netzwerken

Wer heute so tut, als ließe sich Macht im 21. Jahrhundert entlang nationaler Zuständigkeiten vollständig erklären, argumentiert wie aus dem 19. Jahrhundert. Sicherheits- und Einflussstrukturen sind länderübergreifend organisiert, und das ist nicht einmal geheim, sondern offen nachweisbar. Geheimdienstkooperationen wie UKUSA/Five Eyes existieren als transnationale Architektur des Informationsaustauschs, die definitionsgemäß nicht nach der Logik öffentlicher Debatte funktioniert. Dass Lobbyismus als systematische Einflussform in den USA nicht nur behauptet, sondern messbar ist, lässt sich anhand der Daten von Open Secrets nachvollziehen, die Geldflüsse, Akteure und Felder politischer Einflussnahme dokumentieren. Und dass der Staat selbst vor strukturellen Verflechtungen warnt, ist keine Randnotiz, sondern gehört zur politischen DNA der Moderne: Dwight D. Eisenhower thematisierte 1961 in seiner Abschiedsrede ausdrücklich die Gefahr eines militärisch-industriellen Komplexes. Wer diese Quellen liest, kann über Begriffe streiten, aber nicht mehr über die Grundtatsache: Es gibt dauerhafte, teils transnationale Machtpole, die nicht deckungsgleich mit Wahlzyklen sind. Die offene Frage ist damit nicht, ob solche Netzwerke existieren, sondern wie sie handeln – koordiniert oder konkurrierend, stabil oder situativ. Genau an diesem Punkt beginnt Hypothese; und genau hier muss Journalismus sauber bleiben.

Trump, Obama und der politische Gebrauch des Begriffs

Der Begriff „Tiefer Staat“ ist längst nicht mehr nur analytische Kategorie, sondern politisches Werkzeug. Donald Trump hat ihn wiederholt genutzt, um eine dauerhafte Verwaltungs- und Sicherheitsstruktur zu benennen, die nach seiner Darstellung unabhängig von Wahlergebnissen agiert und politische Richtungsentscheidungen abfedert oder blockiert. Bemerkenswert ist weniger der Begriff selbst, sondern dass die Unterscheidung zwischen wechselnder Regierung und dauerhafter Sicherheits- und Verwaltungsmaschine auch innerhalb der US-Sicherheitselite anschlussfähig ist, nur unter einem anderen Namen. Der frühere NSA- und CIA-Chef Michael Hayden sagte 2017 bei CNN sinngemäß, er spreche lieber von einer „permanent government“ als von „Deep State“, nachlesbar im CNN-Transkript (06.03.2017). Das ist kann als Beweis für eine geheime Schattenregierung gesehen werden; es ist aber ein Eingeständnis struktureller Kontinuität und institutioneller Trägheit, die jenseits von Wahlzyklen wirkt.

Gleichzeitig zeigt das Beispiel Iran-Politik unter Barack Obama, wie schnell aus dokumentierten Fakten politische Deutungskämpfe werden. Das Atomabkommen JCPOA und die damit verbundenen Entscheidungen – einschließlich der 2016 öffentlich diskutierten Barzahlung im Kontext eines Altstreites und Gefangenenaustausch – sind historisch belegt. Der Streit beginnt nicht bei der Existenz dieser Vorgänge, sondern bei der Interpretation: War es Diplomatie, war es ein strategischer Fehler, war es kalkulierte Aufrüstung? Diese Interpretation kann scharf, sogar polemisch sein – sie ist politisch legitim. Gerade an dieser Stelle trennt sich Systemkritik von bloßer Erzählung: Wer Absichten behauptet, braucht Indikatoren, nicht nur Empörung.

Hypothesen und ihre Grenzen

Dass nicht alle Machtstrukturen öffentlich dokumentiert sind, ist kein Gegenbeweis ihrer Existenz. Geheimdienste arbeiten verdeckt, Sicherheitskooperationen laufen über klassifizierte Kanäle, strategische Absprachen werden nicht protokolliert, wie man es aus kommunalen Sitzungskalendern kennt. Schon die Existenz einer formalen Kooperation wie UK/USA/Five Eyes zeigt, dass relevante Teile staatlicher Macht systemisch außerhalb öffentlicher Sichtbarkeit operieren. Genau deshalb ist es intellektuell billig, jede Frage nach verdeckten Strukturen reflexhaft als „Verschwörung“ abzutun.

Gleichzeitig gilt das Umgekehrte: Geheimhaltung ist kein Freifahrtschein für jede Behauptung. Denn große, koordinierte Strukturen hinterlassen Spuren, wenn nicht im offenen Archiv, dann in Musterlagen: in Personalzirkulation, in Finanzflüssen, in wiederkehrenden Entscheidungsverschiebungen, in institutioneller Kontinuität, in plausiblen Interessenketten. Hier hilft Karl Popper als methodischer Grenzmarker. Popper leugnet nicht, dass es Verschwörungen gibt; er kritisiert die Neigung, komplexe gesellschaftliche Prozesse monokausal als Produkt eines zentralen Plans zu erklären, bekannt als seine Kritik an der „conspiracy theory of society“, die im Kontext seines Werks The Open Society and Its Enemies diskutiert wird. Für die Analyse bedeutet das: Hypothesen sind legitim, sogar notwendig – solange sie so formuliert sind, dass sie prinzipiell überprüfbar bleiben. Wo jede Gegeninformation automatisch als „Cover-up“ gilt, endet Journalismus und beginnt ein geschlossenes Glaubenssystem.

Fragen

Damit bleibt ein harter, aber produktiver Befund: Die Debatte über „Tiefer Staat“ entscheidet sich nicht an einem Wort, sondern an Strukturen. Wer behauptet, in Demokratien gebe es ausschließlich sichtbare Macht, muss erklären, wie er Phänomene wie Lobbydaten, Dauerstrukturen und Sicherheitskooperationen mit der Realität in Einklang bringt, die sich über Quellen wie OpenSecretsEisenhowers Warnung oder UK/USA/Five Eyes dokumentieren lassen. Wer umgekehrt aus der Existenz solcher Strukturen automatisch eine zentral gesteuerte Schattenregierung ableitet, muss erklären, warum Konkurrenz, Bürokratie, Fehlentscheidungen und widersprüchliche Interessen in seiner Deutung keine Rolle mehr spielen. In Wahrheit liegt der erkenntnisreiche Raum dazwischen: Dort, wo Macht nicht romantisiert wird, aber auch nicht als allwissendes Steuerungszentrum imaginiert wird. Genau dort beginnt seriöse Systemkritik – und genau dort müssen die aktuellen geopolitischen Konflikte eingeordnet werden, bevor man an Einzelfälle geht.

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